Der berühmte Kirschbaumweg, im Frühling zur Zeit der Blüthe das Entzücken der Japaner[134], war auch jetzt, im Herbst, recht schön, wiewohl ohne Blüthenschmuck. Zur Linken ist ein kleiner See, auf einer vorspringenden Landzunge ein sagengeschmückter Tempel der Liebesgöttin (Benten) und, mit schöner Aussicht, Hotel Seiyoken, wo ich gute Erfrischung fand, als ich einmal einen ganzen Tag dem Ueno-Park widmete. Das Bronzebild von Buddha, 21 Fuss hoch, aus dem Jahre 1660 n. Chr., ist unschön.
Durch ein Thor, das noch deutlich Kugelspuren von den Kämpfen zeigt, tritt man ein in einen wunderschönen Cryptomerienhain mit einer langen Reihe von Steinlaternen, die zu einem Heiligthum des Gongen-Sama (Jeyasu) führt. Dasselbe beherbergt an den Wänden die Bilder der „33 Dichter-Geister“ (San-ju-rok-kasen) aus dem 8., 9. und 10. Jahrhundert. Unser Auge muss sich erst daran gewöhnen, dass der Mensch ein Dreieck sein kann, mit dem Kopf als Spitze. Aber ein Japaner, der in weitem Prachtgewand auf seinen Knien kauert, ist thatsächlich ein solches Dreieck. Das Ueno-Museum, ein grosses Gebäude in europäischem Styl, verdankt seinen Ursprung der letzten japanischen Gewerbe-Ausstellung vom Jahre 1890. Der Eintrittspreis ist sehr gering, die Räume sind gut besucht von Einheimischen.[135] Die Ausstellung von Porzellan, Lack, Bronze, Holzwaaren, Geweben, Gemälden hat mich nicht entzückt. Die wirklichen Prachtstücke sind theils nach Europa gewandert, theils in Klöstern und Palästen verborgen. Dazu kommt, dass die Japaner, in ihrer schwärmerischen Vorliebe für unsre Bildung, ganz gewöhnliche Machwerke europäischer Werkstätten in buntem Durcheinander mit ausgestellt haben. Auch die zoologische und botanische Abtheilung vermochte nicht mich so zu fesseln, wie die wissbegierigen Eingeborenen. Interessanter waren mir Staats-Wagen (für Ochsengespann bestimmt), Staats-Sänften und das Schiff des Shogun. Ferner vor- und urgeschichtliche Gegenstände, Perlen aus Agat, die, zu Halsbändern geordnet, von Mann und Weib getragen wurden; Speer- und Pfeilspitzen, Schwerter, alte Töpferwaaren, darunter kleine, irdene Figuren von Mann und Ross, die (seit dem Gesetz des elften Mikado, des edlen Suinin Tenno, um das Jahr 2 n. Chr.) dem todten Fürsten, an Stelle seiner vorher wirklich geopferten Mannen und Rosse, mit ins Grab gegeben wurden.[136] Sodann buddhistische Alterthümer, besonders vom Tempel Horuji in der Stammprovinz Yamato, und aus Nara Gegenstände des Shintodienstes. Endlich Ueberreste aus der portugiesischen Zeit. Der römische Bürgerbrief des Japaners Hashikura, der 1614–1620 eine Gesandtschaft zum Papst nach Rom geführt hatte, sein Oelbild mit Crucifix, ein kleines japanisches Buch der katholischen Glaubenslehre (in Silbenschrift, hiragana); und — im Gegensatz dazu — die Trampelbretter (fumi-ita), Metalltafeln mit Reliefdarstellung des Erlösers, des Kreuzes, der heiligen Jungfrau, auf welche, nach Austreibung der Portugiesen und nach dem Verbot der christlichen Religion, diejenigen Japaner, welche man für heimliche Anhänger dieser Lehre hielt, trampeln[137] mussten, um sich von dem Verdacht zu reinigen.
Die Holländer sollen diese merkwürdigen Bildnisse den Japanern für schweres Geld geliefert haben.
Eine Kunstschule, eine öffentliche Bücherei und eine Akademie sind in der Nachbarschaft des Museums eingerichtet, und auch ein Thiergarten, der aber noch verbesserungsfähig erscheint und jedenfalls für die japanischen Maler wichtig ist, zur Erweiterung ihres Thierkreises.
Weit merkwürdiger für den Fremden sind aber die Shogun-Gräber (Go Reiya). Der vierte aus der Tokugawa-Familie (Jetsuna, † 1680), der fünfte, achte, zehnte, elfte und der dreizehnte (Jesada, † 1858) liegen hier begraben.
Der zweite Todtentempel (Ni no Go Reiya), hat prachtvolle Säulenhallen, im Saal (16×7 Ellen) ein Cassettendach mit goldenen Drachen auf blauem Grunde, vergoldeten Wänden mit den landesüblichen Löwen. Dann folgt wieder der schmale Gang (4 Ellen breit) und das Allerheiligste (11×7 Ellen) mit den mächtigen Goldlack-Schreinen. Die Gräber sind dahinter.
Der erste Todtentempel (Ichi no G. R.) ist dem ersten ähnlich.
Bevor wir Ueno verlassen, werfen wir noch einen Blick auf die ständige Verkaufs-Ausstellung, die auch hier sich befindet, und bewundern wiederum die Nettigkeit und Billigkeit der gewöhnlichen Japan-Waaren. Ein Regenschirm aus Bambus mit Oelpapier, ganz brauchbar für seinen Zweck und auch ganz haltbar, wenigstens in der geschickten Hand des Japaners, kostet 20 Sen = 60 Pfennige.
Sehr eigenthümlich erscheinen uns die Gemälde, mit denen der gewöhnliche Japaner den Erker seiner guten Stube schmückt. Zahllos sind die kleinen Töpferwaaren, Porzellangeräthe, Bronzen, Spielzeuge. Der Koffer, den der Japaner für Haus und Reise braucht, ist ein Holzgestell mit starkem Papier verklebt; auf unseren Reisen würde derselbe beim ersten Hinwerfen zerbrechen. Die geschnitzten Wandschränke für Buddha’s Bildsäule sind alle nach einem Muster, innen vergoldet. Ein prachtvoller Fächer aus Schildkröt mit Bronze-Vögeln und Pflanzen kostet nur 10 Yen. Da die Metall-Oese am Handgriff mir nicht fein genug vorkam, kaufte ich ihn nicht; konnte aber später in Kyoto, dem Hauptort für Fächerherstellung, ein gleiches Stück nicht finden. In dem zum Gebäude gehörigen Garten sind die beliebten Zwergpflanzen[138] ausgestellt, z. B. ein Fichtenhain in einem tellergrossen Blumentopf. In dem Garten ist auch eine Erfrischungshalle, wo ich mit meinen jungen Freunden bei einem ganz guten Glase Bier und einer rauchbaren Cigarre[139] über wissenschaftliche Gegenstände plaudern kann.
Dicht bei Ueno liegt der Bezirk von Asakusa.