Zuerst fällt auf Higashi Hongwanji[140], der Haupttempel von Tokyo, im Besitz der buddhistischen Monto-Secte, 1657 gegründet, zwar einfach, aber in grossen Verhältnissen. Die Fläche der Haupthalle misst 140 Matten. Ueber dem Schrein ist vergoldetes, offenes Schnitzwerk von Engeln und Phoenix. Das schwarze Bild von Amida ist in dem vergoldeten Lackschrein sichtbar. Dies scheint ausnahmsweise ein volksthümlicher Buddhisten-Tempel zu sein; das fröhlichste Gewimmel von Gross und Klein ist hier anzutreffen. An den grossen Säulen der Halle sind Anschläge, welche das Rauchen und das Nachmittagsschläfchen verbieten!
Aber an Volksthümlichkeit überragt Alles der dicht dabei stehende Buddhisten-Tempel Asakusa Kwannon. Das eigentliche Cultbild der Göttin der Gnade (Kwannon) soll um das Jahr 600 n. Chr. hierselbst von einem verbannten Edelmann in der Mündung des Asakusaflusses mit einem Netz gefischt und nur 1⅘″ hoch sein. Es wird niemals gezeigt. Ein grösseres vor dem Altar wird einmal im Jahre (am 13. Dezember) dem Volk gewiesen. Die gegenwärtigen Baulichkeiten stammen aus der Zeit von Jemitsu († 1651 n. Chr.) Sie gehören der buddhistischen Tendai-Secte.
Der Tempelgrund (Koënchi) ist ein vergnügter Wurstelprater in japanischem Styl. Da sind Buden voll Süssigkeiten und Backwerk für Klein und Gross, voll Spielzeug und billigstem Schmuck, Augenblicksphotographen, Panoramen, Thonfigurencabinette, Ringer, Taschenspieler und Kunstreiter. Die Pferde sind mit Rücksicht auf den winzigen Raum sehr still und vernünftig, desto beweglicher die Reiter. Alles ist voll, jeder Nachmittag wird als Feiertag behandelt. Unser Sprichwort: „Saure Wochen, frohe Feste“, hat in diesem kindlich-glücklichen Land der aufgehenden Sonne gar keine Bedeutung.
Auch im Tempel geht es lustig und geräuschvoll zu, wie zu Jerusalem, als die Bankhalter mittelst der Geissel ausgetrieben wurden; oder wie in Deutschland zu Tetzels Zeiten. Der Vergleich drängt sich um so mehr auf, als eine beängstigende Aehnlichkeit der buddhistischen Priester und Heiligen mit den europäischen dem Reisenden vor Augen steht.
Unter dem lauten Ertönen der mächtigen Asakasu-Glocke trete ich durch das zweistöckige Thor (an dem rechts Riesen-Sandalen hängen, Weihgeschenke von Schnellläufern, und links ein Heiligenschrein mit einer Gebetmühle sich befindet,) hinein in die grosse Halle und sehe das Gewühl von Gläubigen, Männern und Frauen, welche Weihrauchkerzen, Heiligenbilder, fromme Büchlein unter lebhaftem Geplapper von den Priestern erhandeln; andere, welche eine Münze in den Opferstock werfen, in die Hände klatschen, um die Heiligen aufmerksam zu machen und sich auf den Boden neigen; noch andere, welche die Holzbildsäule des Heilgottes Binzuru eifrigst reiben, — an der Stelle, wo es ihnen weh thut. Einst war es ein berühmtes Holzbildwerk von Jikaku Daishi; jetzt ist es mürbe und abgerieben, — wie bei uns ein lebendiger, vielbegehrter Arzt. Im Innern des Tempels, an dem Altar oder Hauptschrein sind förmliche Verkaufsbuden eingerichtet. Die Bilder der Gnadengöttin, die man hier feilhält, gelten als Zauber gegen Krankheit, als Nothhelfer in schwerer Entbindung. Auch werden Wahrsagekarten verkauft und kleine Blätter, worauf geschrieben steht, ob das Kind in Hoffnung ein Knabe oder ein Mädchen sein wird.[141]
Allenthalben hängen an den Wänden Laternen und Bilder als Weihgeschenke. „Das Leben ein Traum“, dargestellt durch zwei Menschen und einen Tiger, die alle schlafen; die Hauptscene aus einem lyrischen Drama (No), in dem ein rothhariges Seeungeheuer auftritt; chinesische Helden und Kriegsgötter; ein japanischer Bogenspanner und „Rinaldo, den seine Rosa weckt“; — endlich Engel, die letzteren in den höchsten Regionen, nämlich am Dach, — das sind die Gegenstände der wichtigeren Weihgemälde, soweit man in dem Lärm und Gedränge es beobachten kann.
Der Altar ist durch ein Drahtgitter von dem Schiff getrennt; aber ein freundliches Wort zu dem Hauptpriester, und ein kleines Geschenk dazu, verschafft uns Einlass. Der Hochaltar, von Heiligenbildern beiderseits bewacht, enthält Lampen, Blumen, heilige Gefässe, den Schrein der Gnadengöttin, und zahllose Weihgeschenke, da hier Gebete für Kranke abgehalten werden. Hinter dem Haupttempel ist ein kleines Heiligthum, dessen Weihgeschenke alle mit dem Wort „Auge“ beschrieben sind und von Augenleidenden herrühren.
Ein Tempel (Jizo-do) enthält zahllose Steinbildsäulen von (verstorbenen) Kindern, rings um die des Jizo, des Schützers der Kleinen. Entsprechend der japanischen Duldsamkeit ist hier auch auf dem Tempelgrund ein Shintoheiligthum, den drei Fischern der örtlichen Sage gewidmet. Vorbei an einer Bühne für den heiligen Tanz (Kagura) erreicht man eine Drehbibliothek (Rinzō) so gross wie ein japanisches Zimmer, ganz leicht auf einem Zapfen zu drehen und durch einen kräftigen Stoss in Bewegung zu setzen. Die Inschrift lautet: „Da die buddhistischen Schriften 6771 Bände umfassen, kann ein Einzelner sie nicht alle durchlesen. Aber ein annähernd gleiches Verdienst erwirbt sich, wer die Bibliothek dreimal um ihre Achse dreht“. — Ein chinesischer Priester Fu Daishi im 6. Jahrhundert n. Chr. soll diese Dreh-Bücherei[142] erfunden haben.
Die Pagode nebenbei ist nicht mehr zugänglich. Und den zwölfstöckigen Aussichtsthurm, der 1890 erbaut ist, schenkte ich mir, da sein (durch electrische Kraft betriebener) Personenaufzug nicht in Wirksamkeit war.
Nach Hause fahre ich über eine grosse Brücke, die Tokyo mit der östlichen Vorstadt (Honjo) verbindet, und dann südwärts, am Flussufer entlang. Allenthalben herrscht fröhliche Festesfreude. In Japan giebt es noch mehr Feiertage, als in Bayern. Jede Gelegenheit wird benutzt. Aber die Leutchen sind alle maassvoll in der Fröhlichkeit, zierlich geputzt und höflich. Uebertrieben ist höchstens das Trommeln der Knaben vor den Tempeln, um Gäste anzulocken.