Dem Gärtner zahlt man nichts für den Genuss. Aber er hat einen Theil seines Raumes an Theehäuschen abvermiethet. Dort sitzt der Fremde, der Sitte folgend, nieder, schlürft den üblichen Trank und hinterlegt eine kleine Silbermünze.


Ausflüge von Tokyo. — Nikko, Miyanoshita, Kamakura.

Der schönste Ausflug von Tokyo ist nordwärts nach dem Tempelbezirk von Nikko[143], 90 englische oder 19 geographische Meilen, mit der Eisenbahn in 5 Stunden. Heute genügen 3 Tage. Vor 10 Jahren brauchte H. Meyer 10 Tage dazu; er musste im Miethswagen fahren sowie Kochofen und Diener mitnehmen.

Nikko kekko, Nikko ist entzückend, — dies hört man so häufig in Japan, wie in Frankreich, dass Paris die Hauptstadt des Erdballes sei.

Das Land ist herrlich angebaut wie ein Garten. Reis, Thee, Baumwolle, Maulbeerbäume, Gemüsefelder, — Alles wechselt in bunter Reihe mit kleinen Ortschaften. In Japan waren 1887 an 4½ Millionen Hektar unter Bebauung, in Deutschland 22 Millionen. In unserem Vaterland kommen 47 Ar auf den Einwohner, in Japan genügen elf. Die Felder sind selten grösser als ½ Morgen, ja mitunter nur einige Quadratmeter gross. Die Wirthschaften sind klein, 1–1½ ha. Grossgüter giebt es nicht. 40 Procent der Landwirthe sind Besitzer, die andern Pächter.

40 Procent der Bevölkerung sind Bauern, und weitere 25 Procent betreiben Ackerbau im Nebengewerbe. 58 Procent der Staatseinnahmen kommen vom Ackerbau, ja, wenn man die landwirthschaftlichen Gewerbe, wie Sake-Brennereien hinzurechnet, 80 Procent. Arbeitsvieh wird wenig verwendet. Folglich fehlt thierischer Dung. Deshalb wird der menschliche auf das sorgfältigste aufgehoben und verwerthet. Künstliche Bewässerung wird seit den ältesten Zeiten geübt. Mit dem Tretrad wird das Wasser aus dem Graben auf die Felder gehoben. Auch sieht man zahlreiche Ziehbrunnen. Reisfelder müssen ganz unter Wasser gesetzt werden. 100 Millionen Scheffel[144] werden jährlich geerntet oder 2⅔ Scheffel für den Einwohner. Mehr als die Hälfte des japanischen Ackerlandes besteht aus Reisfeldern.

Der Sonnengöttin Amaterasu, welche für die Japaner auch die Rolle der Ceres spielt, wird in ihrem Tempel zu Ise geopfert, damit die fünf Stengelfrüchte (Gokoku) Reis, Gerste, Weizen, Hirse, Bohnen gedeihen. „Landwirthschaft ist die Quelle des Landes,“ so lautet ein japanisches Sprichwort, das gewiss unserem „Bunde der Landwirthe“ gefallen wird, das aber in seiner Einseitigkeit aus der Zeit der völligen Absperrung herstammt. Unter den drei Classen des gewöhnlichen Volkes (heimin) stand der Bauer (hijakushô) höher, als der Handwerker (shokunin) und der Kaufmann (akindo). Der Samurai verschmähte es nicht, selber das Feld zu bestellen, gerade so wie der römische Patricier. Nur selten wird das japanische Landschaftsbild durch ein fremdartiges Gebäude, z. B. eine Papierfabrik, unterbrochen.

Bei Utsonomiya (65 englische Meilen von Tokyo) verlässt man die Nordbahn und geht über auf die nordwestlich verlaufende Zweigbahn nach Nikko.

Bald erscheinen niedrige, lieblich grüne Berge und die erhabene Fichten-Baumreihe, welche nach den Gräbern der grossen Shogune hinleitet. Neben der Strasse für Jedermann gab es auch eine zweite (Reiheishi Kaidō), ebenfalls von Fichtenbäumen eingesäumt, für die Gesandtschaft des Mikado, welche Geschenke zum Grabe des grossen Jeyasu brachte. Die Fichten (Cryptomerien) Japan’s sind nicht so gewaltig wie die Sesquojen beim Yosemite-Thal in Californien[145], nicht einmal so mächtig wie die canadischen; aber es sind ebenmässige, wunderschöne, Ehrfurcht gebietende Bäume von 2–3 Meter Umfang. Mit grosser Kunst haben die Japaner es verstanden, sie zum Hintergrund der Todtentempel zu wählen. Offenbar bestanden die Fichtenhaine zu Nikko schon lange, als Jeyasu’s Grabeskirche hier erbaut wurde.