Das Dorf (Hashi-ichi), wo unser Zug endigt, (2000 Fuss über dem Meeresspiegel,) ist, wie die meisten in Japan, schmal und sehr lang. In dem üblichen Manneswagen fährt man zwei englische Meilen durch die Doppelreihe von Häusern, Pilgerherbergen und Läden, wo Erzeugnisse des heimischen Gewerbefleisses, Pelzwaaren und Holzschnitzereien,[146] ausliegen, ferner Lichtbilder von diesem, dem berühmtesten Theile von Japan, während an den freien Plätzen nicht bloss Jinrikisha’s, sondern sogar auch kleine Reitpferde auf Reisende harren. Trotz aller Besonderheiten von Land und Leuten sieht das Ganze einem schweizer Gebirgsdorf mit reichem Fremdenverkehr einigermassen ähnlich.
Im Nikko-Hotel, am Ende des Ortes und in der Nähe der Tempel, finde ich eine befriedigende Unterkunft und treffe mehr als Einen von den Schaaren, die mir zur See Begleiter waren.
Ein Shinto-Tempel hatte in Nikko seit uralter Zeit bestanden, er ward aber später nach Utsunomiya verlegt. Ein buddhistischer Tempel wurde 767 n. Chr. von dem heiligen Shōdo Shōnin errichtet, von dem die japanischen Acta Sanctorum der Wunder genug zu erzählen wissen, z. B. dass ein göttliches Wesen ihm, als er den reissenden Fluss bei Nikko nicht passiren konnte, in einem Augenblick eine gewölbte Schlangenbrücke herstellte. Im Jahre 1616 begann der zweite Shogun aus der Tokugawa-Familie den Todtentempel für seinen Vater Jeyasu. Im folgenden Jahre wurde der Leichnam unter grosser Feierlichkeit dorthin gebracht und beigesetzt. Abt des Klosters war stets ein Sohn des Mikado; er wohnte in Yedo und kam drei Mal jährlich nach Nikko. (Der letzte war der bei Besprechung des Ueno-Tempels genannte Prinz Kita Shirakawa.)
Auch der dritte Shogun (Jemitsu) hat in Nikko sein Grabdenkmal.
Entzücken und Begeisterung über die Tempel von Nikko findet man in vielen Schriften von Damen und Herren. Seltener, weil schwieriger, ist die Begründung der Gefühlsschwärmerei durch genaue Beschreibung.
Wer, mit solchen Schriften in der Hand, prüfend in den Tempel eintritt, ist zunächst enttäuscht, — namentlich, wenn er durch unser klassisches Gymnasium hindurch gegangen und auch noch in seinen Mannesjahren die hohe Schule der antiken Kunst in Florenz, Rom, Neapel, Athen, Olympia, sowie in den Sammlungen der europäischen Gross-Städte durchgemacht. Aber langsam und allmählich ändert sich der Eindruck. Wenn auch des Wunderlichen viel vorhanden ist, so fehlt doch nicht das Erhabene und das Schöne.
Vernünftige Ueberlegung siegt über eingewurzelte Geschmacksvorurtheile. Es ist ungereimt, griechische Ideale auf ostasiatische Kunstübung anzuwenden.
Die japanischen Tempel sind errichtet für Japaner, nicht für den Reisenden aus Europa und den Vereinigten Staaten. Wenn sie die Japaner voll und ganz befriedigen, und das ist der Fall, so müssen sie als gelungen und vollkommen angesehen werden.
Wie verschieden haben doch die verschiedenen Culturvölker des Alterthums und der Neuzeit, jedes nach seiner Art, den Gedanken des Göttlichen im Tempelbau auszudrücken versucht! Da ich weder Gottesgelehrter noch Baumeister bin, so muss ich mich auf das beschränken, was ich selber mit meinen Augen gesehen.
So mächtig uns noch heute, nach Jahrtausenden, die Reste der altägyptischen Tempel vorkommen, ganz anders war ihr Aussehen, als sie zur Zeit der Pharaonen noch unversehrt aufrecht standen, umgeben von den riesigen Umfassungsmauern, am Eingang mächtige Thorthürme (Pylonen), mit eingemeisselten, weithin sichtbaren Götterbildern und Hieroglyphen und mit 100 Fuss hohen, bewimpelten Masten und zahllosen Flaggen. Viele Aegypter durften für ihr ganzes Leben nur diese Aussenseite schauen und die ungeheuren Königsbilder aus Stein, die in majestätischer Haltung davor Wacht hielten, wie die „Memnons-Säulen“ zu Theben, deren Besuch den Gebildeten, welche in der römischen Kaiserzeit Aegypten bereisten, ganz unerlässlich schien, obwohl sie nicht mit zu den sieben Weltwundern gerechnet wurden. Jedenfalls konnte die Hauptmasse des Volkes nur bis in den ersten, gewaltigen, säulenumgebenen Hof vordringen, dessen Abschluss nach innen zu, eine Reihe von Lotos- oder Palmenblatt-Säulen, zu beiden Seiten des Eingangs durch übermannshohe Mauer-Schranken versperrt war. Nun folgte eine Flucht von säulengetragenen Sälen, alle von unbeschreiblicher Pracht, alles Bauwerk (sogar die Umfassungsmauern und die dunkelsten Keller) mit schöngeschnittenen Hieroglyphen und zahllosen (allerdings unserem Geschmack nicht entsprechenden) Götterbildern geschmückt, endlich das Allerheiligste, ein ganz dunkles Gemach, aus einem ungeheuren Steinblock gehauen, worin das eigentliche Götterbild, der Gegenstand der Verehrung, aufbewahrt wurde.