In dieser scheinbar unzähligen Reihe von Gemächern ist jedes folgende niedriger, als das vorhergehende; jede folgende Thür der gradlinigen Flucht erscheint nicht bloss dem Beschauer auf dem Hofe perspectivisch verkleinert, sondern ist thatsächlich kleiner, als die vorhergehende, so dass der sinnlich überwältigende Eindruck einer ungeheuren Ferne, des Unendlichen und Geheimnissvollen, auf das empfängliche Gemüth des abergläubischen Nilanwohners hervorgebracht werden musste, wenn bei den nächtlichen Festen die Lampen aus der Thür des Allerheiligsten hervorschimmerten.
Die alten Hebräer waren original in ihren religiösen Schriften, aber nicht in ihren Tempel-Bauten. Die Bundeslade entspricht ägyptischen Vorbildern. Von phönicischen Künstlern wurde Salomon’s Wunderwerk errichtet.
Die Entwicklung[147] des altgriechischen Tempels zu schildern, übersteigt meine Kräfte. Betrachten wir als Beispiel aus der besten Zeit den Parthenon auf dem Burgberg zu Athen. Schönheit des Stoffs und der Form, vollendetes Ebenmass und reicher, aber nicht überladener Schmuck mit Bilderwerken kennzeichnen das hohe, rechteckige Haus, welches die perikleische Zeit für die Schutzgöttin der glänzenden, berühmten, veilchenumkränzten Stadt errichtet hat.
Der Eingang ist von Osten. Die säulengetragene Vorhalle zeigt an der dreieckigen Stirn entzückende Marmorbilder. Ebenso an der gleichgestalteten Hinterseite. Sie stellen dar die Geburt der Göttin und ihre Besitzergreifung des athenischen Landes.
Im Hauptgemach unter freiem Himmel steht das Cultbild der Göttin aus Gold und Elfenbein, das Wunderwerk des Phidias. Die hintere Halle birgt den Staatsschatz. Die Metopenbildwerke und den umlaufenden Fries, die Darstellung des Festzuges zu den Panathenäen, rechnen wir noch heute zu dem schönsten Reste der griechischen Bildhauerkunst.
So wunderbar der ganze Marmorbau, gewiss eines der herrlichsten Gebäude, die jemals errichtet worden, — er diente wohl der Betrachtung und der feierlichen Wallfahrt; aber die eigentliche Verehrung hatte draussen im Freien ihre Stätte: auf dem Altar vor dem Tempel wurden die Opfer verbrannt.
Die Römer, gross als Staatenbildner, in der Kunst und Wissenschaft waren sie klein und unselbständig. Wie viel sie den Etruskern verdanken, können wir nur vermuthen. Aber bedeutend war sicher der Einfluss der Griechen von Unteritalien oder Grossgriechenland. Aeusserlich sieht der römische Tempel dem Laien fast ebenso aus, wie der griechische. Im Innern sind Unterschiede. Die Vorhalle ist grösser. Die Hinterhalle fehlt. Das Cultbild steht im Hintergrund des Hauptgemaches, unmittelbar davor der Altar.
Trotzdem diese Eigenthümlichkeit auch in der altchristlichen Kirche des Römerreiches, der Basilica, auftritt, scheint die letztere nicht aus dem römischen Tempel hervorgegangen zu sein, sondern aus der römischen Gerichtshalle. Zwei Säulenreihen tragen das platte Dach und theilen den Raum in drei Schiffe; dann kommt der erhöhte Chor, der prächtig geschmückte Altar und in der nach Osten gerichteten Nische das Bild der Verehrung. Wohl die herrlichste Basilica der Erde ist San Paolo fuori le mura im ewigen Rom.
Noch zwei Typen hat die christliche Baukunst geschaffen, den centralen Kuppelbau, für den im heidnischen Pantheon zu Rom ein Vorbild gegeben war, und den gothischen Dom. Den ersteren bewundern wir in der heiligen Sophia zu Constantinopel, den letzteren in unserem Köln.
Zweifellos ist die Kuppel ein Sinnbild des Himmelsgewölbes, während die kühn emporstrebenden Säulen des gothischen Domes und die Spitzbogen den Blick gewissermassen in eine unergründliche Höhe emporlenken.