Die Mohammedaner haben in der ersten Zeit sicher die Basilica nachgeahmt, wie in der Moschee des Amr zu Kairo (aus der Mitte des 7. Jahrhunderts n. Chr.) deutlich zu sehen.
Den Kuppelbau der heiligen Sophia zu Constantinopel haben sie einfach in eine Moschee umgewandelt: die prachtvollen Mosaiken übertüncht, da sie im Gotteshaus Bilder nicht dulden; ferner eine Gebetnische (Michrab) nach Südosten,[148] in der Richtung auf das Grab Mohammed’s, eingebaut, so dass jetzt alle Gebet-Teppiche auf dem Fussboden schräg gegen die Hauptachse des Tempels verlaufen; sodann eine steile Kanzeltreppe (Mimbar) errichtet, und vor dem Tempel ihre schlanken Spitzthürme (Minaret) erbaut, von deren Höhe der Muezzin mit wohllautendem Gesang die Gläubigen zu Gebet ruft.
Die Mohammedaner haben zu Stambul nach diesem Vorbild andre Moscheen erbaut, deren Kuppeln weit schöner sind, als die der heiligen Sophia. Aber den Gipfel der Vollendung erreichten die Kuppel-Bauten der Grossmogul zu Agra und Delhi, die dem Parthenon ebenbürtig zur Seite stehen und des grossen Vortheils sich erfreuen, dass sie ziemlich unversehrt auf unsere Tage gekommen sind.
Voll dieser Gedanken, die ich am ersten Abend zu Nikko, nach dem ersten vorläufigen Besuch der Tempel, in meinem Tagebuch verzeichnet, trat ich am nächsten Morgen den Weg an zur genaueren Besichtigung.
Ob die Japaner Religion besitzen, darüber lass’ ich die Gelehrten streiten. Tempel haben sie; ihre schönsten in Nikko,[149] die Grabestempel der göttlich verehrten Herrscher. Sie weichen wesentlich ab von den vorher geschilderten der andern Völker. Aber Natur und Kunst haben die Japaner hier geschmackvoll vereinigt, um den Eindruck des Feierlichen hervorzurufen.
Schon durch die meilenlange, zu beiden Seiten mit Cryptomerien besetzte Zugangsstrasse wird die Aufmerksamkeit des Pilgers gefesselt und auf das Kommende vorbereitet.
Am oberen Ende des Dorfes liegt Mihashi, eine lebhaft roth lackirte Holzbrücke, welche, auf Steinpfeilern ruhend, den 40 Fuss breiten Fluss (Daiya-gawa) überspannt und den kundigen Wandrer an das Wunder mit Shōdo-Shōnin erinnert, um so mehr als sie zu beiden Seiten durch Gitter für gewöhnliche Sterbliche stets verschlossen ist. Hundert Fuss flussabwärts findet man die gangbare Brücke und kommt über dieselbe in die heilige Strasse. Dieselbe führt, tief eingeschnitten, so dass die Wurzel-Enden der mächtigen Bäume in der Höhe unseres Hauptes liegen, durch einen Cryptomerienhain, der von wunderbarer Schönheit und, weil besser gehalten, noch eindrucksvoller ist, als der berühmte Cypressenhain von Skutari.
Vorbei an einem Kloster und einer 42 Fuss hohen Kupfersäule mit dem Tokugawa-Wappen, erreicht man den Eingang zum Mausoleum des Jeyasu.
Eine breite Treppe zwischen zwei Cryptomerien-Reihen führt hinauf zu einem Steingatter (Torij) von 27 Fuss Höhe und 3½ Fuss Dicke der Säulen. Sowie man eingetreten, erscheint zur Linken ein höchst anmuthiger fünfstöckiger Thurm (Pagode),[150] der in lebhaften Farben prangt, 104 Fuss emporsteigt und oben 18 Fuss Seitenlänge hat. Rings um den ersten Stock sind, wie gewöhnlich, bemalte Holzschnitzbilder der chinesisch-japanischen zwölf Zeichen des Thierkreises.
Ein gepflasterter Weg führt zum ersten Thor, Ni-o-mon, d. h. Thor der beiden Könige. Doch sind diese „Schutzgeister“ aus ihren Nischen entfernt und durch zwei Fabelthiere ersetzt. Höchst kunstvolle Schnitzereien schmücken diesen Holzbau: Tapire, die als Zauber gegen Pestilenz gelten, Einhörner und andere Ungeheuer, Löwen und sehr gut ausgeführte Tiger.