Jetzt folgt der erste Hof mit drei lebhaft gefärbten, hübschen Schatzhäusern, worin heilige Geräthe und Andenken vom grossen Jeyasu aufbewahrt werden. An dem einen sind bemalte Reliefs, Elephanten mit falscher Beugung der Hinterbeine. (Ein lebendiger Elephant war gewiss eine grosse Seltenheit in Japan.) Links vom Thor steht, innerhalb eines Steingitters, eine stattliche Fichte, dieselbe, welche Jeyasu, als sie kleiner war, stets in einem Blumentopf mit sich zu führen pflegte. Daneben befindet sich der (ehemalige) Stall für die heiligen weissen Pferde, welche die Wagen der Götter an den Festtagen zu ziehen hatten. Ueber dem Thor sind drei bemalte Holzschnitzereien, Affen, welche mit ihren Händen den Mund, andere, welche die Ohren, noch andere, welche die Augen zuschliessen.

Sie werden wohl die Affen der drei Länder (Japan, China, Indien) genannt, bedeuten aber sinnbildlich die Enthaltsamkeit von Lügen, Verläumdungen, Begehrlichkeiten.

Ein schön überdachter, mächtiger, ausgehöhlter Granitwürfel dient als Weihwasser-Becken und ein Gebäude daneben enthält eine achteckige Dreh-Bücherei mit der vollständigen Sammlung der buddhistischen Schriften.

Ueber eine kleine Steintreppe gelangen wir empor zu einem Vorhof. Hier stehen Huldigungsgaben der Lehns-Staaten: ein Bronzecandelaber vom König von Loochoo (Riukiu), eine grosse Glocke vom König von Korea, von demselben eine Riesenlaterne, von den Holländern ein etwas schäbiger, werthloser Candelaber. 118 Laternen, zum Theil von grosser Schönheit, haben die Daimio gestiftet.

Eine weitere Treppe führt empor zu dem zweiten Thor (Yomei-mon). Dieses ist von wunderbarer Schönheit — „und doch bloss ein Thor.“ Die Säulen sind weiss, mit geschnitzten geometrischen Figuren. Die letzteren kehren die Concavität nach oben; aber auf einer, jenseits des Thores, — nach unten, um den Neid des Himmels abzuwenden. In den äusseren Nischen stehen mit Pfeil und Bogen bewaffnete Helden, in den inneren Unthiere, oben sieht man Einhörner, Drachen, Balcone mit Putten und mit weisen Chinesen. Das weit ausladende Dach hat anmuthige Formen.

Rechts und links von dem Thor erstrecken sich lange Gänge, deren Aussenwände mit naturgetreuen, bemalten Schnitzereien von Vögeln, Bäumen und Blumen geschmückt sind. Durch ziemlich einfache Innen- und Zwischenwände hat man eine Reihe von Gemächern für genügsame Priester geschaffen. Ich sah aber hier einen japanischen Maler eingerichtet, der in vollkommen richtiger Perspective und sehr naturgetreu Oelbilder dieser klassischen Stätte für die Weltausstellung in Chicago anfertigte. Auf Befragen gab er an, dass er nie einen europäischen Lehrmeister gehabt.

Der zweite Hof, den wir nunmehr betreten, enthält zur Rechten ein Gebäude zum Verbrennen des duftenden, heiligen Cedernholzes und eines für den heiligen Tanz. Ich sah den letzteren und merkte es nicht: eine Jungfrau, mit Fächer und Klapper, ging, sich neigend und beugend, auf einer niedrigen Bühne auf und nieder. Links ist ein Gebäude mit den heiligen Wagen, die im Festzug am 1. Juli umhergeführt werden, wenn (nach der Annahme) die göttlichen Seelen von Jeyasu, Hideyoshi und Yoritomo darin verweilen.

Geradeaus kommt man an den eigentlichen Tempelbezirk, der von einem niedrigen Gitter (mit schön geschnitzten Vögeln) umgeben ist. Hinein führt ein Thor aus chinesischen Hölzern mit eingelegter Arbeit.

Der Tempel hat ein prachtvolles Dach mit geschnitzten Drachen als Stützbalken. Der Innenraum (haiden) misst 42×27 Fuss, mit einem Nebenraume zu jeder Seite. Die Wände sind aus Goldlack mit farbigen Figuren in blau, roth und gold. An den Thürpfosten sind dicke Säulen von Lack, an den Wänden Gemälde von Einhörnern und Adlern auf Goldgrund, die Decke cassettirt mit Drachenfiguren. Man steigt einige Stufen hinab und sieht vor sich eine Treppe, und jenseits derselben eine goldige Thür, welche die Kapelle mit den heiligen Bildnissen — verschliesst.

Der Tempel ist prachtvoll und feierlich, besonders in dem beliebten Halbdunkel. Fällt dann ein Sonnenstrahl durch die Spalten der Fenstervorhänge (aus Bambusstäben und Seide), so beleben sich die Farben auf das anmuthigste.