Dazu kommt noch bei besonders packenden Scenen ein lautes Geräusch von Holz-Klappern, ähnlich wie in buddhistischen Tempeln, und ein kurzes einsilbiges Beifallsgeheul des Publicums!
Nachdem also der Samurai unter Gesangbegleitung seine „Lebensabiturientenrede“ niedergeschrieben, ergreift er das Schwert, das scharfe, und setzt es — nicht gegen die Brust, das ist nicht fein in Japan, sondern etwas tiefer; aber in demselben Augenblick stürzt der getreue Ekkehard herein, entreisst ihm das Schwert und holt einen Freund und Biedermann, der nach längerer Vermahnung aus eigenen Mitteln den Kassen-Fehlbetrag ausgleicht.
Soweit wäre nun Alles gut, und das Lustspiel zu Ende. Aber dann wäre Danyūro um seine Kraftleistung gekommen. Das Theater würde nicht ausverkauft sein. Also, der Samurai geht noch einmal in das Wirthshaus und fordert sein Geld zurück. Wirth, Frau und Mädchen behandeln ihn ausnehmend schlecht; sie leugnen Alles, sogar die Anwesenheit von Nummer vier, die er doch mit eignen Augen eintreten sah. Man behandelt ihn, wie einen unzurechnungsfähigen Trunkenbold, ja wie einen Betrüger. Wüthend geht er ab. Sein Fächer, den er vergessen, wird ihm auf die Strasse nachgeworfen! Diese Verletzung der japanischen Höflichkeit ist schlimmer, als ein Faustschlag ins Gesicht. Wüthendes Geschrei der Zuschauer, höchste Töne des Vorsängers, stummes Geberdenspiel des Helden auf dem Holzbrett, zwischen Sperrsitz und Logen. Schon will er zurückstürzen und blutige Rache nehmen. Aber er stösst das Schwert in den Gürtel und enteilt mit beflügelten Schritten.
Der Vorhang — er fällt nicht, er steigt nicht; oben in Oesen befestigt, wird er von discret durchschimmernden Männern rasch von der Seite her vorgeschoben.[161] Er zeigte Riesenblumen im Wasser, nach altägyptischer wie neujapanischer Perspective, das Nebeneinander übereinander gestellt. Ein gutes Theater braucht den Vorhang nicht zu kaufen, er wird von Verehrern gestiftet.
Die Zwischenmusik ist jetzt zu Ende. Auch unser Abendessen, das uns in einem Nebenzimmer, allerdings unter harmlosem Zuschauen des ganzen ersten Ranges, aufgetischt worden, sogar mit Bier, welches die Japaner ganz gut zu brauen von Deutschen gelernt haben.
Es ist Nacht auf der Bühne. Der Samurai erscheint vor dem Wirthshaus. Unklar scheint, warum er nicht eindringt. Denn ein gewöhnliches Haus in Japan kann man fast mit einem Federmesser öffnen.
Aber nun kommt ein realistischer Kniff. Woher kann er wissen, dass die ganze Gesellschaft, die er so ingrimmig hasst, zu Hause ist? Er verbirgt sich hinter einem Brunnen; eine Magd kommt heraus und erzählt einem Nachbar, dass sie alle fröhlich beisammen seien. Nun hat der Samurai es gehört. Auf den Zehen schleicht er näher und zieht sein Schwert.
Jetzt werden wir vertraut mit einer neuen Eigenheit der japanischen Bühne. Der grösste Theil derselben ist eine Kreisfläche, die auf einem Zapfen sich dreht.[162] Bei der nunmehr folgenden Haupthandlung, wo der Samurai seine fünf Opfer (Wirth, Wirthin und Mädchen Eins, Zwei, Drei) erschlägt, und die Erregung des Publicums auf das höchste gesteigert ist, dreht sich die Bühne langsam um die Achse, so dass man jetzt den Krieger draussen sieht, dann drinnen und in den verschiedenen Gemächern. Der Würgeengel ist unerbittlich. Der Dichter auch. Nicht bloss wird Jeder der Fünf vor unsern Augen abgeschlachtet; sondern nach dem ersten Stoss oder Schlag, wobei das Blut vor unsern Augen fliesst, da die Schauspieler Gummiblasen mit rother Flüssigkeit in den Händen halten,[163] folgt noch das Bauchaufschlitzen und Halsabschneiden in der natürlichsten oder, wenn man diesen Ausdruck vorzieht, in der allerkünstlichsten Weise! Der Realismus feiert seinen höchsten Triumph. Das Knacken der Knochen bei Vertretern unsrer jüngsten Schule ist Kinderspiel gegen die anämischen Krämpfe des blutüberströmten, sterbenden Kneipwirths, dessen Darsteller offenbar im Schlachthaus erfolgreiche Studien angestellt hat.
Wir kommen zu der letzten Scene. Japan’s stärkste Seite ist die Polizei. Es ist vielleicht die gründlichste der Welt. Ein Mörder darf nicht unentdeckt, nicht unbestraft bleiben. Da kommt die ganze Schaar, mit kurzen Schwertern bewaffnet. Es ist am steilen Flussufer in der Nacht. Aber der kühne Krieger ist ihnen entkommen. Er rudert kräftig sein Schifflein zum andern Ufer. Hier vollendet er sein Geschick.