Wir befinden uns in dem Haupttheater zu Tokyo, der Residenz des Mikado.
Das Gebäude stellt eine riesige, mit Holz überdachte Halle dar. Drei Seitenränge sind vorhanden, aber die Wände zeigen die japanische — Offenheit. Unsere Wagenmänner können von draussen bequem über die Köpfe der Sperrsitz-Gäste hinweg umsonst zusehen; und ausser ihnen Jeder, der Lust hat. Der Sperrsitz zu ebener Erde ist schachbrettartig in kleine Verschläge eingetheilt. In jedem kauern ihrer vier Personen auf den Matten. Man sieht hie und da eine ganze Familie, die mit Reisnapf, Theetopf, Zuckerwerk, Tabaksgeräth sich häuslich niedergelassen hat. Zwischenwege giebt es nicht. Um zu ihren Plätzen zu gelangen, müssen sie auf den Zwischenbalustraden, die man — Blumenpfade nennt, entlang turnen. Das thun auch die Damen und zwar ganz geschickt. Alle Welt ist in Strümpfen; und in sehr weissen. Alle Welt, einschliesslich der Damen, raucht Tabak aus der winzig kleinen japanischen Pfeife und ist kreuzfidel. Die Damen sind prachtvoll geputzt in den buntesten Gewändern; das schwarze glänzende Haar, das wie lackirt aussieht, ist in der phantastischen Schmetterlings-Frisur geordnet. Die heitere Abwechslung, welche durch die Anwesenheit der Damen auf allen Plätzen hervorgerufen wird, die ungezwungene Unterhaltung während der Zwischenakte (und zum Theil auch während des Spiels) unterscheidet ganz wesentlich das japanische Theater von dem verwandten chinesischen.[157]
Das Stück beginnt. Den Namen[158] zu erfahren war schon recht schwierig, obgleich meine jungen Freunde und ehemaligen Schüler, des Deutschen mächtig, grosse Mühe mit der Erklärung sich gaben. Die wörtliche Uebersetzung des Titels lautet: „Der frischgeschnittene Satsuma“. Das letztere Wort bedeutet einen südlichen Clan von der Insel Kiuschiu, der eine grosse Rolle in der Geschichte Japans gespielt hat und noch heute in der constitutionellen Entwicklung zu spielen scheint. Das Wort bedeutet auch ein Kleidungsstück, das diesem Clan eigen ist. In unserem Stück, welches vor etwa 130 Jahren geschrieben, aber für die Zwecke des heutigen Theaters neu hergerichtet ist, bezeichnet es den Helden, den der berühmte Schauspieler Danyūro[159] spielt, einen Samurai oder Krieger mit zwei Schwertern im Gürtel, der in einem Lokal mit Damenbedienung aus einem nüchternen Weiberfeind in einen Trunkenbold, Verschwender und Mädchenjäger umgewandelt wird. Für unsere Begriffe ist die Entwicklung unklar, der Gang schleppend, die Fabel des Stückes arabeskenartig verflochten. Aber wir sind hier nicht massgebend. Der Japaner hat unendlich viel mehr Geduld, als der Europäer.
Zuerst kommt eine vergnügte Kneiperei in dem Wirthshaus. Der Samurai, von seinem Vorgesetzten mit Geld ausgestattet, um eine kostbare Uhr in der Stadt ausbessern zu lassen, geräth in das liederliche Wirthshaus und wird von dem Wirth, dessen Weib und drei Mädchen[160] bearbeitet. Plötzlich tritt ein junger Liebhaber auf und schleudert ein viertes Mädchen zu Boden. Er scheint Grund zur Eifersucht zu haben. Dann wird er von seinem Vater verstossen, weil er von dem Mädchen doch nicht lassen will. Diese beiden Motive verschwinden im Fortgang des Stückes.
Der Samurai tritt in den Vordergrund. Er liebt das Mädchen Nummer Vier. Gegen ihn ist sie spröde. Er schickt ihr von dem anvertrauten Gelde fünfzig Thaler durch den Wirth. Dieser unterschlägt das Geld und leugnet seine Unterschrift. Denn die Japaner sind so schreibwüthig, wie einst die alten Aegypter; sie schreiben Alles auf, auch Hamlet’sche Monologe: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“
Der Held betrinkt sich. Sein treuer Diener schleppt ihn fort, und zwar „auf dem Wege in die Ferne;“ das ist ein von der nur mässig erhöhten Bühne aus mitten zwischen Sperrsitz und den entsprechenden Logen hindurch geleiteter Holzsteg.
Als am andern Morgen der Krieger zum Selbstbewusstsein seiner ehrlosen That kommt, ergreift er — nicht das Schwert, sondern zunächst den Schreibpinsel, um seine Abschiedsworte in zierlicher Sprache der Nachwelt zu überliefern.
Jetzt muss ich noch erwähnen, dass das ganze Spiel von einem zwar nicht überlauten, aber durchaus eintönigen Guitarrengeklimper aus einem Verschlag rechts von der Bühne, begleitet wird. Aber bei bedeutenden Scenen setzen kräftigere Akkorde ein; jede hervorragende Person des Stückes hat sozusagen ihr Leitmotiv. Selbstgespräche aber werden nicht gesprochen, sondern durch Geberden dargestellt, während gleichzeitig aus einem Verschlag links von der Bühne ein Sänger der gewissermassen den Chor des griechischen Theaters vertritt, in etwas meckernder Fistelstimme, dem geehrten Publico die Gedanken, Befürchtungen, Vorsätze des Helden auseinandersetzt und ferner seine eignen Rathschläge hinzufügt.