In Japan trägt kein Mensch Ohrringe; in Indien, woher die Grundform Shaka’s stammt, alle, Männlein und Weiblein; es giebt auch dort keine kleinen, einige sind aber grösser und die entsprechenden Ohrzipfel bedeutend länger.

Das Reisebuch sagt, dass die stille Grösse des Bildwerkes erst bei wiederholtem Besuch empfunden werde. Das ist möglich, aber für uns gleichgiltig, da wir nicht wiederkehren können. Jedenfalls sind solche Bildsäulen für den Reisenden lohnender, die man nur zu betrachten braucht, um sie zu verstehen und zu bewundern.[155]

Weit schöner, als der Daibutsu, ist in dem benachbarten Tempel der Kwannon eine sitzende Bronzefigur aus dem 15. Jahrhundert, in kaum halber Lebensgrösse: wenn man von den halbgeschlossenen, etwas schläfrigen Augen absieht, könnte man sie für das Werk eines Griechen halten. Die vergoldete Riesen-Bildsäule der Göttin selber (von 30 Fuss Höhe) lohnt kaum das Ansehen und das Trinkgeld an den Priester. Desto schöner ist die Aussicht von dem ragenden Tempel über das Gestade und das Meer. Auch in diesen friedlichen Gefilden waren kriegerische Uebungen. Japanische Soldaten, die etwa so aussahen wie deutsche Rekruten in nicht passenden Uniformen und mit falschen Mützen, ruhten gemächlich vor einem Theehaus und schäkerten mit den Mädchen.

Die liebliche, immergrüne Insel Enoshima, seit alter Zeit der Göttin der Liebe (Benten) geweiht, hängt durch eine schmale Düne mit dem Festland zusammen. Wenn man die steile Strasse emporsteigt, wo Haus bei Haus alle möglichen Meereserzeugnisse, Fische und Muscheln zum Essen, Glasschwamm (Hyalonema Sieboldi) und Muschelschalen, rohe wie künstlich verarbeitete, als Andenken, feilgeboten werden, glaubt man ein japanisches Santa Lucia vor sich zu sehen. Ich raste oben auf der Höhe in einem Theehaus, mit einem zufälligen Reisegefährten, dem deutschen Pastor Schmiedel, der von allen englisch redenden Missionären, die ich in Ostasien getroffen, höchst vortheilhaft durch zwei Vorzüge sich auszeichnete, nämlich durch Gelehrsamkeit und Duldsamkeit.


Eine Theater-Vorstellung in Tokyo.

Pünktlich, wie verabredet, um 3 Uhr Nachmittags, holt mich mein Freund ab. Trotz der frühen Tageszeit war es keineswegs eine Vorstellung für Kinder. Denn das Hauptstück enthielt, wie mir gleich mitgetheilt worden, — einen fünffachen Mord sowie den Selbstmord des Mörders unter erschwerendsten Umständen, Alles auf offener Bühne.

„Nehmen Sie lieber Ihre Pantoffeln mit!,“ sagte mein Freund; und rasch bestieg Jeder von uns seine zweirädrige Droschke, die, von zwei hintereinander eingespannten Männern gezogen, schneller und sanfter dahineilte, als so manches Fuhrwerk, das bei früherer Gelegenheit mich zu den Brettern, die die Welt bedeuten, hinbeförderte.

Wir sind angelangt. Höfliche Männer ziehen mir die Stiefel aus, meine gelbledernen, zum Glück ganz neuen Pantoffeln an. Auf weichen Matten, mehr gleitend als schreitend, gelange ich vorwärts in ein kleines Zimmerchen, wo freundlich lächelnde Mädchen in tadelloser Schmetterlingsfrisur, in buntseidenen Gewändern mit breitem rothen oder violetten Gürtel, auf den Knien und das Haupt zur Erde neigend, uns winzig kleine Schälchen voll klarer, heisser, hellgrüner, bitterer Flüssigkeit überreichen, die Thee sein soll. Wir sind in dem Theehause des Theaters, welches in ortsüblicher Weise den Verkauf der Einlasskarten verwaltet.[156] Aber wir verweilen hier nicht lange. Rasch weiter gleitend, auf Matten, lackirtem Fussboden und kleinen Treppchen, befinde ich mich bald in einer der vornehmsten Logen des grossen, aus Holz erbauten und durch die breit durchbrochenen Wände hindurch vom Tageslicht hell genug erleuchteten Theaters. Ich selber (und ich allein im ganzen Theater) sitze auf einem Stuhl, umgeben oder besser umlagert von all’ meinen jungen Freunden, die, um mich zu erfreuen, ihre kleidsame Volkstracht angelegt, einen dünnen, seidenen, hellfarbigen, kurzen Schlafrock, geziert mit dem Wappen der Familie, das aber nach dem liebenswürdigen Geschmack des Landes, nicht wie bei uns aus grimmen Leuen und solchem Gethier, sondern aus freundlichen Blumen zusammengesetzt ist. Sofort wird mir die Cigarette gereicht und das Kästchen mit glimmender Kohle, dazu sprudelndes Getränk und vielerlei Süssigkeiten.