Odowara war früher Sitz der Hojo-Familie, im Jahre 1590 wurde ihre Macht durch den Taikō Hideyoshi gebrochen. Als sie in ihrem festen Schloss zu Odowara endlos darüber beriethen, ob sie angreifen oder auf Vertheidigung sich beschränken sollten, überfiel Hideyoshi das Schloss und nahm es durch einen Handstreich. Daher ist bei den Japanern die Odowarasitzung sprichwörtlich geworden.
Von Yumoto bringt die Jinrikisha den Reisenden durch eine romantische Schlucht bergaufwärts nach Miyanoshita. Das beste Gasthaus ist Fuji-ya.
Mein Führer behauptete aber, wir müssten nach Nara-ya. Das Haus war auch gross, aber ganz leer. Ausser mir waren nur zwei Parsi und ein nervenkranker Engländer da, und — zahlreiche Ratten, die man Nachts über der Decke nur allzu deutlich hörte.
Da ich den Wunsch äusserte, einen von den berühmten Spaziergängen kennen zu lernen, brachte mich mein Führer in ein nasses Bambusdickicht, um dem Fremdling bündig zu beweisen, dass man in Japan nicht — zu Fuss gehen soll.
An einen Ausflug nach dem Hakone-See war wegen des Regens, an eine Besteigung des Fuji ebendeswegen und wegen der vorgerückten Jahreszeit gar nicht zu denken. Berge, Seen und Wasserfälle hatte ich in Europa schon oft genug und mit grösserer Bequemlichkeit betrachtet. So kehrte ich denn baldigst nach Tokyo zurück, wo die Zeit der Feste für mich anhob.
Der dritte Ausflug ist der nach Kamakura und Enoshima. Kamakura, südwärts von Yokohama,[153] an der Sagami-Bucht gelegen, ist jetzt ein Dorf, mit Sommerwohnungen für die Europäer von Yokohama; einst war es die mächtige Hauptstadt von Ost-Japan.
Yoritomo (1192 n. Chr.), der Schöpfer des Shogunats und der Feudalverfassung, die bis 1868 angedauert, verlegte den Sitz der Regierung hierher. Hier wurden die Gesandten des Mongolen Kublai Khan, die Unterwerfung Japan’s gefordert, enthauptet. In der Blüthezeit des Mittelalters soll die Stadt über eine Million Einwohner gezählt haben. Die Gründung von Yedo (1603) versetzte ihr den Todesstoss.
Die Sehenswürdigkeit von Kamakura ist Dai-butsu, der grosse Buddha. Auf einer riesigen Lotosblume sitzt der beschauliche Weise von 49 Fuss Höhe, aus Bronze gegossen,[154] seit dem Jahre 1252 n. Chr. und hat den Tempel lange überdauert, der einst ihn überdachte, aber 1494, also kurz nach der Entdeckung Amerika’s, durch eine Springfluth zerstört wurde. Diese Bildsäule soll die wahre Idee des Buddhismus am reinsten darstellen, nämlich die geistige Ruhe, welche hervorgeht aus Erkenntniss und Bezwingung der Leidenschaften.
Jedenfalls ist es die beste Bildsäule von Shaka, die ich zu sehen bekam. Aber seltsam berührt uns doch die Weisheitswarze auf der Mitte der Stirn und das verlängerte Ohrläppchen.