Das Volkstheater (Shibai oder Kabuki) nahm im 17. Jahrhundert n. Chr. seinen Ursprung aus jenen kleinen Lustspielen, welche die Reihe von 6–7 No-Aufführungen zu unterbrechen pflegten, — gerade wie die alten Griechen auf die tragische Trilogie ein Satyrspiel folgen liessen.
Die Stücke sind entweder Geschichts- oder Sittenbilder.
Die beiden grössten Schauspieldichter[167] der Japaner lebten im 18. Jahrhundert und versuchten sich in beiden Arten; beide brachten die „Rache der 47 Knappen“[168] auf die Bühne. Im Volkstheater liebt man Scenerie und benutzt die Drehbühne, um zwei verschiedene Scenen unmittelbar auf einander folgen zu lassen. Das Volkstheater ist der einzige Platz, wo das alte Schopf-Japan noch naturgetreu vorgeführt wird, und gleichzeitig das heutige Leben des Völkchens, an den Zuschauern, studirt werden kann. Dass das japanische Theater sittenloser wäre als das unsrige, ist die vorschnelle Behauptung einer Unmöglichkeit.
Vor der neuen Verfassung waren die Schauspieler des No geehrt, die des Kabuki verachtet. Das hat sich jetzt auch geändert.
Ein Gastmahl und ein Fest im Clubhaus.
Auf eine wissenschaftliche Sitzung, die im Hause eines meiner Fachgenossen abgehalten wurde, folgte ein Festmahl. Die Speisekarte, welche jeder Gast erhielt, befand sich auf einem schön bemalten Fächer, der sinnbildlich den Namen des Gastes und des Wirthes (Sikayama = Hirschberg, Inouye = Ueber dem Brunnen), vereinigte. Wir sassen auf europäische Art an einer langen Tafel; auch die Frau des Wirthes, die zwar keine europäische Sprache verstand, aber, wiewohl schüchtern, so doch zierlich, ihr Glas gegen das unsrige erklingen liess. Es gab Fischsuppe, gefüllten Fisch, Lotos- und Lilienwurzel, Süssigkeiten, gebackene Vögel, Krabben, Polypen, Reis und noch vieles Andere.
Die Gerichte sind klein und zahlreich und werden jedem Gast besonders aufgetragen, immer mehrere zusammen auf einem lackirten Brettchen oder vielmehr ganz niedrigen Tischchen (Zen) angeordnet. Ein volles Mahl besteht aus zwei bis drei Gängen (Tischen), und jeder Gang aus sechs bis acht Gerichten. Alles sieht sehr appetitlich aus, schmeckt uns aber weniger gut, als den Japanern. Auch können wir mit den zwei Ess-Stäbchen, die wie ein Storchschnabel oder eine Zange zusammenwirken, nicht geschickt genug umgehen, was bei unsern Wirthen harmloses Lächeln hervorruft. Gabeln, Messer, Löffel giebt es nicht. Suppe wird aus dem Tässchen getrunken, alles Uebrige ist so zerkleinert, dass die mit den zwei Ess-Stäbchen bewehrte Rechte es zum Munde führen kann. Unangenehm ist kein Gericht. Der rohe Fisch, ganz fein geschnitten und mit den Stäbchen in eine würzige Tunke getaucht, schmeckte mir besser, als — eine lebendige Auster. Natürlich, in einem gewöhnlichen japanischen Gasthaus wird gerade dieses Fisch-Gericht nicht so vortrefflich sein und alle die Verwünschungen verdienen, mit welchen es von europäischen und amerikanischen Reisenden überhäuft worden ist.
Getrunken wurde dazu Saki, der dünne japanische Reisschnaps, von dem es zahlreiche Arten giebt.
Doch will ich, zur Beruhigung wissenschaftlicher Seelen, die Uebersetzung der Speisekarte beifügen, die Herr Tsurutaro Sengo, Lector des Japanischen an unserm Seminare für orientalische Sprachen, für mich anzufertigen die Güte hatte.