Der Versammlungsort ist Kojo-kan, das Haus des rothen Ahornblattes. Das letztere erscheint, gewissermassen als Wappen, allenthalben, sowohl an den Wänden, wie auf den Tellern, wie auch auf der zierlichen Tracht der aufwartenden Mädchen. Das ganze erste Stockwerk des Hauses, von dem aus man eine schöne Aussicht hat (auf den Hafen und die umgebenden Gärten, aber nicht auf den Berg Fuji) ist durch Fortnahme der hölzernen Zwischenwände in einen ungeheuren Saal mit rings herumlaufender, offener Halle umgewandelt und mit deutschen und japanischen Fahnen (der rothen Sonne in weissem Felde) reich geschmückt. Es herrscht ein ungeheures Gewühl. Ueber 100 Aerzte sind zugegen, darunter die ersten des Landes. Zuerst kommt ein Begrüssungs-Saki und die Vorstellungen. Der Japaner liebt es hierbei, seine Besuchskarte zu überreichen und die des Gastes entgegenzunehmen. Mein eigner Vorrath war bald erschöpft. Um nicht unhöflich zu erscheinen, liess ich durch einen meiner Zuhörer neue anfertigen, mit einer kurzen Unterschrift in japanischer Sprache, und dieselbe später den Theilnehmern des Festes übersenden.

Die Festordnung war sehr reich und abwechselnd. Zunächst kommt ein Schnellmaler. Der Künstler breitet einen Bogen Seidenpapier von etwa 1 Meter Länge und ⅔ Meter Breite auf den Fussboden und malt mit wenigen Pinselstrichen und Farben zunächst einen Hirsch. Das ist ein Gruss für mich. Er beginnt mit einem Auge und dem Kopf, malt dann einen Fuss, den Stummelschwanz, zuletzt den Fussboden; er wird aber sehr gut fertig. Dann malt er einen Kranich, das ist der Glücksvogel. Hierauf einen Affen, einen Tiger; der letztere ist nicht ganz so naturgetreu, wie wir ihn heutzutage zu sehen gewohnt sind: offenbar fehlt dem Künstler die Anschauung des Thieres, das ja bekanntermassen in Japan’s Wäldern nicht vorkommt und auch nicht in Thier-Gärten gehalten wird. Dann folgt, was unerlässlich ist, eine Landschaft mit dem Berge Fuji. Endlich malt er mich selbst. Er hat wohl noch nie einen Europäer in Frack und weisser Binde, mit Klapphut in der Hand, gelben Lederpantofffeln an den Füssen, gemalt; trotzdem entledigt er sich seiner Aufgabe mit grossem Geschick, nur konnte ich das Gesicht nicht sehr ähnlich finden. Uebrigens stempelte er jedes Stück. Wie ich nachträglich erfuhr, ist er ein sehr berühmter Maler (Kuboto Beisen). Ich fand später zu Kyoto Kunstwerke von seiner Hand.

Die japanischen Maler kennen nicht die Perspective, sondern malen hockend Alles auf das liegende Papier aus einer Art von Vogelschau. Sie glauben, besser zu zeichnen, als die Europäer, und sind liebe- und geschmackvolle Naturbeobachter. Was sie leisten werden mit Perspective und Oelmalerei, entzieht sich heute noch unserer Beurtheilung.

Hierauf folgte das Festessen. Die Japaner nahmen in der landesüblichen kauernden Stellung ringsum an den Wänden Platz. Ich selber erhielt ein Kissen, um bequemer zu sitzen.

Die Speisekarte für Jeden war wieder ein bemalter Fächer, worauf, unter deutscher und japanischer Flagge, der Hirsch und der Berg Fuji erschien. Die Zahl der Gerichte war ungeheuer. Ich musste reichlich in Saki Bescheid trinken. Ein Herr kommt mit dem winzigen Schälchen voll Reisschnaps und leert es auf das Wohl des Gastes; letztrer nimmt dies Schälchen, taucht es in ein kleines Gefäss voll Wasser, das vor Jedem steht, und hält es leer der knieenden Hebe hin, die es aus einem kleinen Fläschchen von Neuem füllt. Meine Freunde waren zufrieden, wenn ich nur daran nippte; nicht aber, wie es eigentlich der Brauch heischt, austrank.

Uebrigens erhielt ich auch europäische Gerichte sowie Bier und Rothwein.

Die Festreden behandelten den Dank der japanischen Aerzte an die deutschen Lehrer der Heilkunde. Die Musik war die übliche. Die Tänzerinnen in prachtvoller Gewandung führten einen eigens für diesen Zweck erfundenen Flaggentanz aus, jede einzelne hatte eine deutsche und eine japanische Flagge an kurzem Stiel in den Händen; ferner einen echtjapanischen Fächertanz; endlich einen Tanz der Wäscherinnen, mit sehr kunstvoller Verschlingung von langen Leinwandtüchern.

Der Taschenspieler war höchst geschickt und unterhaltend. Sein Gehilfe legte mir und meinen Nachbarn einen geschlossenen Kasten vor, gefüllt mit zahlreichen Fächern, von denen jeder mit einer andern Blume geschmückt war. Drei Fächer wurden gezogen, er bildete jedesmal aus gefärbtem Reismehlteig die entsprechende Blume mit Blättern. Dass er die Blume richtig errieth, war ja ganz hübsch; aber wunderbar fand ich die Schnelligkeit, mit welcher er eine gefüllte Aster mit allen grünen, gerippten Blättern ohne Werkzeug, lediglich mit seinen Fingern, bildete und an dem in einem Blumentopf befindlichen Stengel befestigte. Aus einem abgerissenen Stück Papier entwickelt er viele Ellen Band, ein Feuerwerk und ein lebendes Huhn. Aus einem kleinen Stück Malzteig bläst er eine ungeheure Hohlkugel und holt aus dem Innern derselben zehn brennende Papierlaternen heraus, eine nach der andern, jede folgende grösser, als die vorhergehenden, die letzte von 1½ Fuss Höhe. Und das Alles macht er vor uns, in dem Clubsaal auf der Erde hockend, mit der freundlichsten Miene und dem heitersten Geplapper, ohne besondern Apparat. In allen diesen „brodlosen Künsten“ sind uns die Japaner weit überlegen.

Um 7 Uhr empfahl ich mich, nachdem ich zuvor noch die zahlreichsten Einladungen erhalten.