Deutschland in Japan.

Der deutsche Arzt, welcher nach der zweiwöchentlichen Seereise über den stillen Ocean, wo er keinem einzigen Schiffe begegnete, seinen Fuss auf den Boden des japanischen Reiches setzt, sieht vor sich ein liebliches Märchenland, wo Alles ungewöhnlich und seltsam, aber in seiner Eigenart doch höchst anmuthig und gefällig erscheint. Um so freudiger ist er überrascht, dass sogleich an sein Ohr der Laut der Heimathsprache klingt, die er auf der Fahrt über den nordamerikanischen Continent und über den stillen Ocean nur selten vernommen. Deutsch ist Lieblingssprache japanischer Aerzte.

Von Deutschen vernahmen sie zuerst die frohe Botschaft einer neuen Heilkunde, die sie aus den verknöcherten Formeln ostasiatischer Grübelei erlöste. Deutsche Professoren wirkten und wirken zum Theil noch heute an ihrer Universität zu Tokyo. Deutsch sprechen deren japanische Nachfolger und Collegen. Deutsch lernt schon auf dem Gymnasium der zukünftige Student der Heilkunde; und glücklich wird von seinen Freunden gepriesen, wem es vergönnt ward, in Deutschland seine Studien zu vollenden. Deutsch spricht so mancher Generalarzt der Armee, nur die der Flotte ziehen das Englische vor. Mit der deutschen Lesefibel werden sogar diejenigen Soldaten unterrichtet, welche im Lazaret des rothen Kreuzes zu Heilgehilfen herangebildet werden sollen.

Ich werde meine Leser nicht ermüden mit einer Beschreibung der Festlichkeiten, welche auf Veranlassung meiner ehemaligen Zuhörer die japanischen Collegen mir gewidmet haben. Aber gegenüber der in Europa ziemlich verbreiteten Ansicht, dass der Japaner zu Hause rasch seine Gesinnung gegen die früheren europäischen Lehrer ändere, gebietet mir die Gerechtigkeit, anzuerkennen, dass, obwohl ich schon oft auf Reisen von ehemaligen Zuhörern und werthen Collegen Freundlichkeit erfahren, doch mein Empfang in Japan alles Frühere in Schatten gestellt hat. Allerdings hatte ich besonderes Glück. Zufällig war ich der erste Universitätslehrer aus Deutschland, welcher eine Vergnügungsreise nach dem fernen Reich der aufgehenden Sonne unternommen: so hatte ein Sonderausschuss sich gebildet, welcher in jeder japanischen Stadt mich empfing und geleitete. Auf diese Weise lernte ich Land und Leute, die heimische Kunst, sowie auch den Zustand der Heilkunde besser kennen, als es sonst dem gewöhnlichen Reisenden beschieden ist.

Auf dem ersten Festessen zu Tokyo, in Koyo-kan, dem Haus des rothen Ahorn, hielt mein ehemaliger Zuhörer, der Augenarzt Dr. Miyashita, eine Ansprache, deren ersten allgemeinen Theil ich hier, nach seiner eigenen Handschrift, mittheilen möchte.

„Hochverehrte Anwesende, liebe Freunde und Collegen!

Von Seiten des Comité’s der hiesigen Ophthalmologen ist mir ein ebenso ehrenvoller, wie angenehmer Auftrag zu Theil geworden. Ich soll im Namen des Comité’s unseren hochgeschätzten Collegen, Herrn Prof. Hirschberg, der uns heute durch seine Anwesenheit beehrt hat, begrüssen und willkommen heissen.

Gestatten Sie mir, wenn ich die geschichtliche Entwicklung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Japan in kurzen Worten schildere.

Unser Vaterland Japan war lange Zeit verschlossen. Erst seit dem Jahre 1854, wo wir mit den europäischen und amerikanischen Staaten Verträge geschlossen, ist der Verkehr mit den Fremden allmählich rege geworden. Vor dieser Zeit hatten allein die Holländer das Vorrecht, in Nagasaki vor Anker gehen und Handel treiben zu dürfen. Ohne Zweifel gebührt den holländischen Aerzten das grosse Verdienst, die damaligen Aerzte von Japan, welche theils der chinesischen, theils der altjapanischen Schule angehörten, aus dem tiefsten Traum aufgeweckt und ihnen ein ganz neues Heilverfahren in die Hände gegeben zu haben. Aber erst mit der Eröffnung der drei Häfen siedelten verschiedene Aerzte aus Amerika und Europa in Japan sich an. Damals hörte man bei uns noch sehr wenig von Deutschland und man glaubte, England, Frankreich und Holland seien die einzigen Länder, wo die moderne Medicin in voller Blüthe steht.