Die Studenten (auch die der Heilkunde) leben in besonderen Gebäuden[181] innerhalb des Universitätsbereiches und erhalten gegen eine geringe Zahlung (von ungefähr 10 Yen oder 30 Mark für den Monat) die vollständige Verpflegung. Auf Lehren und Lernen wird viel Zeit und Mühe verwendet. Dem Professor bleibt wenig Musse für die Privatpraxis. Die Ferien betragen im Winter zwei Wochen, im Frühling eine Woche, im Sommer zwei Monate. Jährlich finden Prüfungen statt. Der japanische Student, der von Allen als geduldig, aufmerksam, gehorsam, fleissig gerühmt wird, ich möchte ihm auch noch das Beiwort geschickt zusprechen, wird ausserordentlich strenge gehalten. Auf seinem Zimmer darf er weder geistige Getränke trinken, noch Tabak rauchen, und muss an Wochentagen Abends um 8 Uhr zu Hause sein. Aber in Japan steht man auch recht früh auf. Einer meiner Freunde beginnt seine Sprechstunden um 5 Uhr Morgens. Die künstliche Beleuchtung ist oft mittelmässig und zum Studium weniger geeignet; allerdings in den grösseren Städten des Landes trifft man schon elektrische Glühlampen, sogar in alten Klöstern von Buddhisten, die nicht so unduldsam sind, wie Manche in Europa.
Auf körperliche Uebungen legen die japanischen Studenten leider zu wenig Werth. Viele sind nicht bloss klein, sondern sogar von dürftiger Entwicklung der Muskulatur.
Lungenschwindsucht und Kurzsichtigkeit sind leider ziemlich häufig unter ihnen und werden durch das übertriebene Bücherlesen gefördert.
Dabei ist das japanische Volk in seiner Gesammtheit durchaus nicht schwächlich. Sie haben vor 300 Jahren in Osaka und an andern Orten die gewaltigsten Granitblöcke der Erde, die selbst den altägyptischen überlegen sind, zu Festungsbauten aufgethürmt; ihre Krieger (Samurai) waren voll Kühnheit und Todesverachtung und höchst gewandt in der Handhabung der Schwerter; die Wagen- (Jinrikisha-) Männer ziehen eine oder mehrere Stunden lang im Trabe ohne Athembeschwerden und ohne Ermüdung den Wagen mit einem Insassen von 150 Pfund Schwere und zeigen eine Entwicklung der Wadenmuskulatur, welche dem Bildhauer zum Muster dienen könnte; die Bauern tragen ungeheure Lasten, da sie nur wenige Zugthiere besitzen; die nackten Schiffer am Landungsplatz springen kühn in’s Wasser und befestigen ebenso geschickt wie kraftvoll das mächtige Tau des Dampfschiffes an der Boje. Aber die Studenten entstammen hauptsächlich den weniger starken Städtebewohnern. Um so freudiger ist der neu begründete Universitäts-Turnverein zu begrüssen.
22 Professoren wirken an der medicinischen Facultät zu Tokyo, darunter zwei deutsche, Dr. Bälz für innere Krankheiten, Dr. Scriba für Chirurgie.
Der Lehrplan ist ähnlich dem unsrigen, eher etwas reicher.
Das Staatsexamen ist im Wesentlichen nach deutschem Muster eingerichtet. Die Zahl der Studirenden der Heilkunde betrug im letzten Jahre 144, die aller Studirenden zu Tokyo 1373. Es giebt auch Wiederholungs- und Fortbildungskurse für praktische Aerzte, eine Berliner Einrichtung, welche sich über die ganze Erde verbreitet hat.
Ein Band von Mittheilungen aus der medicinischen Facultät zu Tokyo und einer von den Arbeiten der Kaiserlich militärärztlichen Lehranstalt ist 1892 zu Tokyo in deutscher Sprache erschienen.[182]
Obwohl die Lehrmittel zu Tokyo mit denen einer deutschen Universität nicht verglichen werden können, (nur das Krankenmaterial ist ausreichend, 346 Betten im ersten, 129 im zweiten Krankenhause, dazu 300 in der Irrenklinik,) so muss man doch billig staunen, was in einem einzigen Menschenalter geschaffen worden. Wie weit stehen z. B. die Medicinschulen zu Constantinopel und Cairo, die ich besucht, hinter der von Tokyo zurück! Und in China giebt es eigentlich gar keine, in der Heilwissenschaft gelehrt wird. Dabei sind die Türken, Aegypter, Chinesen soviel längere Zeit schon in Verkehr mit Europäern. Uebrigens lieben die Japaner gar nicht, mit den genannten Völkern zusammengestellt zu werden.