Ausser den Universitäts-Krankenhäusern finden sich in der Millionstadt Tokyo noch zahlreiche andere. Die hauptsächlichsten habe ich besucht.
Das Lazaret des rothen Kreuzes, welches unter dem in der deutschen Literatur genügend bekannten und sehr liebenswürdigen Staatsrath, Professor und Generalarzt Hashimoto[183] steht, ist ausserordentlich reinlich und gut eingerichtet;[184] es gehört zu den besten, welche ich in Asien gesehen habe, und ist z. B. nach meiner Ansicht den englischen Universitätskliniken zu Calcutta entschieden überlegen, was ausdrücklich hervorgehoben werden soll gegenüber der bei uns so grossen Neigung zur Ueberschätzung englischer Einrichtungen.
Lazaret des rothen Kreuzes in Tokyo.
Im Leichenhaus war gerade Cursus der Stabsärzte, nach deutschem Muster. Sectionen kommen in Japan nur selten vor, in Süd-China aber und vollends in Indien so gut wie gar nicht; die Leichen der Hindu müssen verbrannt, die der Mohammedaner und Juden begraben, die der Parsi von Geiern abgefressen werden; darüber wachen die Religionsgenossenschaften mit der allergrössten Sorgfalt und Peinlichkeit.
Auch das Charitékrankenhaus (Sikeïn) zu Tokyo macht einen sehr günstigen Eindruck. Die dicken Strohmatten, welche in jeder japanischen Wohnung von der Hütte bis zum kaiserlichen Palast[185], den Fussboden vollständig auskleiden und die Stelle unsrer Betten, Sofa’s, Tische gleichzeitig vertreten,[186] (weshalb man ja auch seine Schuhe stets am Eingang des japanischen Hauses auszieht,) hat der thatkräftige Director vollständig und für immer verbannt; der hölzerne Fussboden blitzt nur vor Sauberkeit.
Ein eigenthümliches Krankenhaus ist das für die Leprösen. Die Aufnahme geschieht nicht durch gesetzlichen Zwang, sondern nach freier Entschliessung der Kranken, die mit Weib und Kind einziehen, wenn ihnen das Leben im heimischen Dorfe durch den Abscheu der Nachbarn unerträglich geworden. Jederzeit können sie wieder die Zufluchtstätte verlassen. Merkwürdigerweise sagte mir der Arzt, dass in Japan Uebertragung der Lepra von Mensch auf Mensch niemals festgestellt sei; aber in seiner eignen Inaugural-Dissertation[187] giebt er zu, dass Lepra contagiös sei, nur nicht so leicht und nicht so rasch, wie manche andre Krankheiten, anstecke; die angeborene erscheine selten vor der Pubertät.
Lazaret des rothen Kreuzes in Tokyo. Hauptgebäude.
Nur durch grosse Zähigkeit, wie vielfach bei anderen Gelegenheiten auf Reisen, setzte ich es durch, in diesem Krankenhaus wirklich etwas zu sehen. Die Fälle, die mir schliesslich gezeigt wurden, waren fast alle, so zu sagen, erträglich. Sie sollten die Vorzüglichkeit einer specifischen Behandlung mit einem Eucalyptus-Präparat darthun. Ein Mann wurde mir gezeigt, dessen faustgrosse, schwärende Stirnknoten ganz rasch geschrumpft und vernarbt waren.