Ich bemerke, dass meine japanischen Collegen, die mich begleiteten, mit den Anschauungen der Aerzte des Lepra-Hauses, Vater und Sohn, nicht übereinstimmten und mir erklärten, dass jene eine Mischung der älteren chinesisch-japanischen und der neueren europäischen Heilkunde darstellen. Die Aerzte der älteren Schule sind noch nicht ausgestorben, ja bei der neuesten Wiederbelebung des japanischen Nationalgefühls erheben sie kühner ihr Haupt und verlangen vom Abgeordnetenhaus, dass Mittel für die Lehre ihrer Richtung ausgeworfen werden sollen.

Dass wir Deutsche ein vorzügliches Seemannskrankenhaus in Yokohama besitzen, darf ich wohl als bekannt hinstellen.

Ausser der Universität zu Tokyo giebt es in Japan noch sechs Medicinschulen, von denen ich die vier wichtigsten besucht habe.

Ich reiste von Yokohama zunächst nach Nagoya.

Hier ist ein Mittelpunkt der in Japan so häufigen Erdbeben.[188] Ein solches hatte ein Jahr zuvor erhebliche Verwüstungen angerichtet. In dem Krankenhaus der Medicinschule, das aus Stein gebaut ist, waren Risse und Stützen sichtbar; die Anatomie war in ein Skelet umgewandelt. Trotzdem wurde rüstig gearbeitet.

In der berühmten Festung zu Nagoya ist ein recht ordentliches Garnisonlazaret, in der Stadt ein Privatkrankenhaus des Dr. Kítagawa, der seine Studien in Berlin unter Virchow, Langenbeck, Schröder gemacht, auch bei mir zwei Semester gehört hat. Derselbe entfernte in meiner Gegenwart eine Geschwulst aus der Bauchhöhle mit vollendeter Kunstfertigkeit und Sauberkeit binnen 20 Minuten. Wir blicken mit Stolz auf diese Schüler der deutschen Heilkunde.

Auch in der frühern Hauptstadt des Mikado, dem alten Kyoto, sah ich die Medicinschule und das dazu gehörige Krankenhaus; sowie in der volkreichen Handelsstadt Osaka. Die Unterrichtsmittel sind hier allerdings mässig, aber die Krankenzahl genügend; in dem neuen Operationssaal waren hintereinander 30 Bauchschnitte ohne Todesfall ausgeführt worden.

Recht interessant ist das Privatkrankenhaus zu Suma bei Kobe, an der von den japanischen Dichtern seit 1000 Jahren besungenen, fichtenbekränzten Meeresküste: sehr geeignet für seinen Hauptzweck, die Behandlung von Lungenkranken, mit je einer besonderen Abtheilung für Europäer und Japaner.

Von Kobe geht die entzückende Fahrt durch die Inland-See nach Nagasaki auf der Insel Kiusiu. Medicinschule und Hospital sind hier etwas älteren Ursprungs, da unser v. Siebold[189] im ersten Drittel unseres Jahrhunderts bereits die Keime ausgesät; sie haben aber gleichfalls den reformirenden Einfluss von Jung-Japan erfahren.