Wenn Marco Polo die erste Kunde von der Existenz Japan’s den Europäern überliefert, Mendez Pinto als erster Europäer seine Gestade betreten; so kann unser Landsmann E. Kämpfer als der erste wissenschaftliche Entdecker von Japan gepriesen werden. Im Jahre 1651 zu Lemgo,[192] einem Städtchen in Lippe, geboren, machte er während und nach Vollendung seiner Studien Reisen durch Deutschland, Holland, Polen; er studirte Philosophie, Naturwissenschaften und Heilkunde; ging mit einer schwedischen Gesandtschaft durch Russland und die Tatarei nach Persien; segelte dann im Dienst der holländisch-ostindischen Gesellschaft von Ormuz nach Batavia, von da nach Siam und Japan. Zwei Jahre (1690–1692) verblieb er als Wundarzt auf Deshisma zu Nagasaki und hat zweimal die vorgeschriebene alljährliche Huldigungsreise nach Yedo zum Shogun mitgemacht. In seinen beiden Werken Amoenit. exot. und Geschichte von Japan hat er zum ersten Mal über Geographie, Geschichte, Naturgeschichte, Religion und Sitte des merkwürdigen Landes und Volkes berichtet.

Es scheint, dass die Absperrung, je länger sie dauerte, um so strenger gehandhabt wurde. Denn erst 150 Jahre[193] nach Kämpfer kommt wiederum ein grosser Arzt, ein Deutscher, welcher den Dienst bei der holländischen Compagnie benutzt, um Japan zu studiren.

Es war Ph. F. v. Siebold (1797–1866), der Verfasser des ausgezeichneten Werkes Nippon, Archiv zur Beschreibung von Japan. Von 1823–1830 weilte er in Japan, zunächst auf Deshima. Ihm gelang es, die Pockenimpfung in Japan einzuführen; er erhielt 1826, auf der Huldigungsreise nach Yedo, die Erlaubniss, allein als einziger Europäer in der ungeheuren Hauptstadt des asiatischen Reiches zu verweilen, Heilkunde zu lehren und sich selber über das Land und Volk zu unterrichten. Als er aber von dem Oberhofspion eine Karte des japanischen Reiches erworben, wurde jener im Gefängniss zum Selbstmord (Harakiri) gezwungen und Siebold für immer des Landes verwiesen[194].

Drei japanische Specialitäten sind zu beachten: 1. das Nadelstechen, 2. das Brennen, 3. das Kneten.

1. Das Nadelstechen ist sehr alt, geschieht mittels feiner, nur 1⁄48 Zoll dicker, scharfer Nadeln aus Silber, auch aus Gold oder Stahl, mit scharfer Spitze: acht bis zehn werden in regelmässigen Figuren, ½–¾ Zoll tief, eingestochen, oft an Stellen, wo die Nerven nahe an die Oberfläche treten, — gegen Krampf, Schmerz und sonstige Nervenkrankheiten. Es giebt kleine Büchlein mit Abbildungen, welche die Regeln für das Nadelstechen enthalten.

Das Verfahren ist von China eingeführt, wurde bereits in der japanischen Universität vor 1200 Jahren gelehrt, gerieth dann in Vergessenheit und wurde 1682 n. Chr. auf Veranlassung des Shogun Tsunayoshi wiederbelebt durch den blinden Sugiyama Waichi.[195]

2. Das Brennen geschieht mittels dünner Walzen oder Kegel aus Zunder (von den Blättern der Artemisia, Beifuss, japanisch Moxa, eigentlich Muksa = Brennkraut). Mehrere Kegel werden an derselben Körperstelle abgebrannt, und das Verfahren vielfach wiederholt, nicht bloss zur Heilung von Krankheiten, sondern auch zur Verhütung. Aerzte bezeichnen die Stelle, Laien (Weiber) führen das Brennen aus, und zwar recht geschickt und schnell, wie ich selber beobachtet. Es ist nicht sonderlich schmerzhaft.

Kämpfer hat einen „Brennspiegel“ veröffentlicht nach einem chinesisch-japanischen Druck, worauf der Mensch von vorn und von hinten abgebildet ist, nebst den zu brennenden Stellen und den Anzeigen. „I, 3. Bei Leibschmerz brennt man zu beiden Seiten des Nabels. I, 5. Bei schweren Geburten muss die äusserste Spitze des kleinsten Zehen am linken Fusse mit drei Kegeln gebrannt werden.“ U. s. w.

3. Das Kneten (amma)[196] wird geübt, und zwar von oben nach unten, nicht bloss zur Heilung von Krankheiten, sondern auch zur Erfrischung des Körpers; hauptsächlich von den Blinden[197] (mojin), welche Abends die Strassen durchwandern und mit der Pickelflöte sich ankündigen. So ernähren sie ihre Familien,[198] statt wie bei uns der Gemeinde zur Last zu fallen, und gewinnen so viel, dass sie oft im Nebenamt Geld verleihen.[199] Bis 1870 machten sie eine besondere Gilde aus, für deren höchste Stufe nebst der Prüfung eine Baarzahlung von 1000 Dollar (Yen) zu leisten war!