Im offenen Wagen werde ich von meinen Freunden abgeholt; ein Läufer rennt voraus und meldet an den Kehren der Wege dem Gewühl des Volkes die im Innern von Japan ziemlich ungewöhnliche Beförderungsart. Der offenbar nicht sehr geübte Kutscher muss wiederholentlich gezügelt werden, damit er nicht in dem Gedränge der grossen und kleinen Kinder Unglück anrichte.
Das Leben in den Hauptstrassen Nagoya’s ist nicht sehr abweichend von dem in Tokyo.
Wir besuchen zuerst eine grosse Porzellan-Handlung. Es mag sein, dass mein Geschmack für diesen Zweig des Kunsthandwerks noch nicht genügend entwickelt ist, jedenfalls war ich nicht entzückt und fand den Gang durch eine grosse Niederlage in Berlin oder Dresden weit lohnender. Seitdem die Fürsten und Ritter abgesetzt sind, d. h. nicht mehr von den Bauern ihre Zehn- und Hunderttausend Scheffel Reis im Jahre beziehen, sind Käufer für grosse Prachtstücke nicht mehr zu finden. Die alten japanischen Künstler arbeiteten nicht einfach als Handwerker für Geld, sondern für ihren Fürsten und Brotherrn aus Liebe zur Kunst. Heutzutage macht man einfachere Sachen für den gewöhnlichen Gebrauch und schlechte, billige für die Ausfuhr nach den Ländern der westlichen und östlichen Fremden, die es so haben wollen, natürlich auch einiges Gute. Der Werth der Ausfuhr von Porzellanwaaren betrug 1889 an 1300000 Yen. Die Porzellanmacherei ist in Japan nicht sehr viel älter, als in Europa; sie wurde um 1600 n. Chr. durch Kriegsgefangene aus Korea eingeführt und erreichte ihre Blüthe zwischen 1750 und 1830; das echte „alte“ Satsuma stammt aus den Jahren 1800–1850. In der Provinz Hizen, in Kaga, Owari, Kyoto sind berühmte Werkstätten, in letztgenannter Stadt ganze Strassen voll Porzellanhandlungen. Sehr gefällig finden wir die thönernen Darstellungen von Göttern, Menschen und Thieren, und geradezu erstaunlich ist die Menge von Spielsachen, die dieses kinderliebe Volk gebraucht: aus Thon werden Soldaten, heilige Füchse, ganze Gärten mit Bäumen und Häusern, Festungen und dergl. angefertigt, feilgehalten und verkauft.
Sodann fuhren wir zu einem Künstler in Zellenschmelz (Email cloisonné). Schmelz ist bekanntlich ein mit Metalloxyden gefärbter Glasfluss, der, fein zerstossen und als Brei angerührt, auf Metall, Thon oder Glas aufgetragen und eingebrannt wird. Bei dem Zellenschmelz bilden aufgelöthete Metalldrähte die Umrisslinien; in die Zwischenräume werden die Schmelzfarben eingelassen. Diese Kunst war bereits den alten Aegyptern bekannt gewesen, wurde seit dem 6. Jahrhundert n. Chr. in Byzanz gepflegt und soll in China und Japan seit alter Zeit bis auf unsere Tage geübt worden sein.
Aber bezüglich Japan’s scheint die Sache anders sich zu verhalten. Eine rohe Art dieser Kunst ist allerdings seit 300 Jahren gebräuchlich. Aber die feinere ist nicht älter, als 20 Jahre. Nagoya, Kyoto und Tokyo sind die drei Hauptstätten der Arbeit. Die metallischen Umrisse sind fast unsichtbar, so dass man die Arbeit für reizvolle Porzellanmalerei von Arabesken und Blumen halten möchte. Ich sah eine prächtige Vase, die der Künstler für Chicago’s Weltausstellung hergestellt und die 500 Yen kosten sollte. Dabei arbeitet der bescheidne Mann für 1–2 Yen täglich! Sein Lager ist nicht gross. Wer eine Arbeit bestellt, muss 1 Jahr warten, bis sie fertig wird.
Die dritte Sehenswürdigkeit der Stadt ist ein grosser Buddhatempel aus dem Anfang unsres Jahrhunderts (Higoshi Hongwanji), natürlich aus Holz, aber in schönen Verhältnissen und mit reichem Schmuck. Das zweistöckige Thor mit drei Eingängen zeigt geschmackvolles Schnitzwerk von Blumen und Arabesken sowie ausgezeichneten Bronze-Beschlag; dann folgt ein geräumiger Hof und darauf der eigentliche Tempel, der scheinbar zweistöckig ist, indem das Dach der vorderen Säulenhalle eine geringere Höhe besitzt, als das des Hauptgebäudes. Das letztere ist 120 Fuss breit, 108 Fuss tief und von vorn nach hinten in drei Theile getheilt. Der hinterste enthält die Kanzel mit einer 4 Fuss hohen Bildsäule von Amida in einem vergoldeten Schrein sowie Schnitzwerk von Engeln und Vögeln. Das Ganze macht einen höchst feierlichen Eindruck. Der Europäer vergisst hier, dass er in Ostasien weilt.
Hierauf fuhren wir nach dem Steingebäude der Bezirksregierung, das in dem neuen und wenig interessanten „Styl des Auslands“ erbaut ist. Hier werde ich dem Unterpräfekten vorgestellt. Derselbe unterliess natürlich nicht, noch an demselben Tage den Besuch zu erwiedern. Das Gebäude hat stark durch das vorjährige Erdbeben gelitten. Allenthalben sind Risse im Mauerwerk und hölzerne Stützen sichtbar. Die Zahl der Schreibstuben und Beamten ist sehr gross. Die Ernteerzeugnisse der Provinz, auch die Cocons, waren nach Jahrgängen höchst sorgfältig aufbewahrt und geordnet. In diesem Gebäude ist auch der Rathhaus-Saal der Provinz (Provinzial-Landtag), höchst einfach, aber ganz zweckmässig.
Hierauf wurde noch ausserhalb der Stadt der Tempel der 500 Rakan oder Jünger von Buddha besichtigt. Die Bildsäulen, 2 Fuss hoch und grell bemalt, sind trotz äusserer Aehnlichkeit alle von einander verschieden und so mannigfaltig, dass nach japanischem Sprichwort hier Jedermann das Abbild seines eignen Vaters finden kann.
Dann kam das Hauptstück von Nagoya, das Schloss (O-shiro), 1610 von 20 grossen Feudalherren errichtet als Fürstensitz für Jeyasu’s Sohn, den Gründer der Owari-Familie. Der Raum zwischen dem äusseren und inneren Graben war früher besetzt von den Wohnhäusern der Ritter (Samurai) und enthält jetzt die Quartiere der Besatzung. Der innere Graben ist neuerdings trocken gelegt und birgt einige Familien der so niedlich gefleckten japanischen Hirsche, die wir aus unserm zoologischen Garten genau kennen. Das Innere des Schlosses ist ganz und gar verwüstet, da im Beginn der jetzigen Regierung das Gebäude der Militärverwaltung übergeben wurde. Erst, als es zu spät war, suchte man zu erhalten und zu bessern. Jetzt arbeitet der Maler und Holzschnitzer an der Wiederherstellung. Dank meiner guten Einführung, bekam ich die Reste von Gemälden auf Goldgrund zu sehen und die Rammas von Hidari-Jingoro. (Ramma ist der zur Lufterneuerung durchbrochne Obertheil der Holzwand des Zimmers.) Hier hat der Künstler ausserordentlich naturgetreue Holzschnitzereien vom Kranich, Fasan, Hahn und von der Schildkröte angebracht. Am besten erhalten ist der fünfstöckige Thurm. Der Styl ist durchaus abweichend von dem unsrigen, aber doch recht gefällig. Zwei Spitzdächer, eines, ein kleines, keines, das ist das Gesetz des Emporsteigens der fünf Stockwerke. Hoch oben auf dem Dache blitzen weit über die Stadt fort die beiden goldnen Delphine, welche 1601 auf Kosten des berühmten Kato Kiyomasa verfertigt wurden, desselben, der auch den Thurm errichten liess. Einer der beiden „drachenköpfigen Fische“, die einander gegenüber an den beiden Ecken des Dachfirstes mit emporgerichtetem Körper und Schwanz angebracht sind, wurde 1873 nach Wien zur Weltausstellung gesendet, versank auf der Heimfahrt mit dem französischen Dampfer Nil, wurde aber glücklich wieder vom Meeresgrunde emporgebracht und unter dem Jubel der Bevölkerung wieder an seinem alten Platze aufgestellt. Die Höhe der Thiere beträgt gegen 9 Fuss, der Goldwerth beider wird auf 180000 Dollar beziffert. Einige Schuppen wurden jüngst gestohlen, aber von dem Käufer, einem Goldschmied, wieder zurückgegeben. Der Dieb soll auf einem riesigen Papierdrachen emporgestiegen sein. Das möchte ich für eine Fabel halten.
Ich stieg im Thurm die Holztreppe empor bis zum obersten Stockwerk und erfreute mich der prachtvollen Aussicht auf Stadt und Land, über die unermesslichen Reisfelder bis an das Meer und die fernen Berge des heiligen Ise.