Nachdem ich drei Krankenhäuser und die Medizinschule besucht, daselbst auch zusammen mit den japanischen Fachgenossen photographirt worden war, begab ich mich nach dem Theehaus zum Festessen, zu dem 80 Aerzte sich versammelt hatten. Ich würde über dieses kein Wort verlieren, mit Rücksicht auf die Beschreibung des vorigen, wenn nicht die Kunst Nagoya’s, wenigstens nach meinem Empfinden, in mancher Beziehung die von Tokyo und Kyoto weit überragte. Zuerst wurde ich in das mit den üblichen Zwergbäumen und Steinlaternen besetzte Gärtchen des Theehauses geführt und über die Brücke des unvermeidlichen Teiches auf ein kleines Inselchen und in das Gartenhaus desselben geleitet. Hier erhielt ich eine Tasse Thee zur Begrüssung. Um gleichzeitig mein Auge zu erfreuen, hatten sie mir einen schönen Theestrauch in einem grossen Blumentopf aufgestellt. An den Wänden des Saales, den sie mit Papierlaternen, sowohl rothen, als auch prachtvoll bemalten aus Gifu, geschmückt, waren alte und neue Gemälde aufgehängt, soviel sie deren in der Stadt auftreiben konnten: das thaten meine Freunde jedes Mal, nachdem sie gehört hatten, dass ich japanische Malereien mit Vergnügen betrachte.

Während des japanischen Essens und nach demselben hörte ich einheimische Musik, namentlich einen berühmten Flötenspieler, welcher den Kranich nachahmte, und sah einheimische Tänze, die von Saiteninstrumenten und Gesang begleitet wurden.

Zuerst kam ein schöner und feierlicher Nationaltanz, der die Buddhapilger darstellte, von würdevoller und getragener Musik begleitet. Dann folgte der (Reis-) Erntetanz, ein höchst anmuthiger, heiterer, ja schalkhafter Gebärdentanz, von den 16 kleinen, prachtvoll bekleideten Künstlerinnen durch ihren eignen lebhaften Gesang begleitet. Ich muss gestehen, dass dieser Tanz mit seiner Musik mir lieber ist, als zehn Stücke, wie Sullivan’s Mikado; dass ich mir diesen Tanz wiederholen liess und der anwesenden Tanz-Meisterin durch einen dolmetschenden Arzt meine grösste Zufriedenheit ausdrückte. Da offenbarte sich aber die japanische Harmlosigkeit. Die Frau hatte vielleicht noch nie von einem Europäer solches Lob vernommen; sofort entwickelte sie mir in fliessender Rede, Japan wäre ein armes Land, wo sie mit den 16 Mädchen, wegen der Seltenheit solcher Festaufführungen, nur kümmerlich sich durchschlüge; dass aber Europa gewiss sehr reich sei, und ich am besten thäte, sie sammt ihrem Balletcorps nach Europa mitzunehmen und dort auf die Bühne zu bringen. Ich blieb vollkommen ernst und erwiederte, dass ich zu meinem grössten Bedauern diesen Plan nicht auszuführen vermöchte, da ich leider noch vielfach umherreisen müsste, ehe ich nach Europa zurückkehren könnte; hingegen nicht verfehlen würde, in Europa des Ballets von Nagoya rühmend zu erwähnen. Und damit war sie vollkommen zufrieden, und ich habe ja mein Wort gehalten. Von allem dem, was zwischen Tunis und Tokyo, in Aegypten, Indien, Japan als Tanz von Weibern dem Reisenden vorgeführt wird, — zu Luksor in Oberägypten schrieb ich im Hause des amerikanischen Consuls, nachdem ich den berühmten Leuchter-Tanz gesehen, in mein Tagebuch: „Schön ist bei uns anders“, — hat der Tanz zu Nagoya mein Kunstgefühl am meisten befriedigt. Meine japanischen Freunde, denen ich dies mittheilte, meinten, dass die dort übliche Musik munterer sei, als im übrigen Japan.

Hierauf folgte noch ein Schattenspiel; der Künstler brachte mit den Fingern seiner von hinten beleuchteten Hand auf einem Seidenpapierschirm die Gestalt von Katze und Maus und dergleichen auf das täuschendste hervor. Danach kamen zwei (von Männern dargestellte) keifende alte Weiber in aristophanischer Beweglichkeit und Komik und zum Schluss in dem dunklen Garten unter dem Jubel der zahllosen Zaungäste ein Feuerwerk, worin natürlich Sikayama und Berg Fuji erschien, sowie eine deutsche Unterschrift ohne jeglichen Fehler, obwohl doch der Künstler zweifellos keinen Buchstaben einer europäischen Schrift verstand.

Ich muss gestehen, dass erst an diesem Tage mir der rechte Geschmack für einige japanische Kunstübungen zum Bewusstsein gekommen ist.


Nach Kyoto.

Die Eisenbahnlinie von Nagoya nach Kyoto wendet sich nordwestwärts durch eine liebliche Gegend, — Reisfelder, von fernen blauen Bergen im Vordergrund und zur Linken eingesäumt, und über den malerischen Kisogawafluss — nach Gifu. Dieses Städtchen ist berühmt erstlich durch die grossen Mengen roher Seide, die hier gewonnen werden, zweitens durch die ausserordentlich dauerhaft und geschmackvoll aus Bambusstäben gearbeiteten, mit schönbemaltem Papier überzogenen Laternen und drittens durch die Kormoran-Fischerei. Der zu der Familie der Pelikane gehörige Seerabe oder Kormoran (Phalacrocorax carbo, 92 Centimeter lang, 150 Centimeter breit,) wird gefangen und zur Fischjagd abgerichtet, in Japan[204] jedenfalls seit mehr als 1000 Jahren, da diese Jagd bereits in einem Gedicht des Kojiki, der altjapanischen Chronik vom Jahre 712 n. Chr., erwähnt wird. Nachts werden die Fische durch Fackeln und Klappern angelockt, die Vögel schwimmen an Leinen und tauchen; ein geschickter Fischer im Boote hält bis zu 12 Leinen in der Hand und zieht denjenigen Vogel, der einen Fisch gefangen, an Bord des Kahns, um ihm die Beute abzunehmen. Die Vögel haben einen Metallring um den Hals, dass sie nur ganz kleine Fische verschlucken können. Der Fang ist sehr einträglich, da ein Kormoran binnen drei Stunden bis 450 Fische fangen kann. Allerdings müssen die Kormorane sehr sorgsam gepflegt und in den sieben Monaten, wo kein Fang ist, durchgefüttert werden. Diese Art des Fischfangs ist ein beliebter Gegenstand für die Laternen-Maler, welche den Hintergrund auf der inneren Papierhülle anbringen, den Vordergrund auf der äusseren; so wird, wenn die Laterne angezündet ist, eine sehr schöne Wirkung erzielt.

Als wir in Gifu einige Minuten hielten, erschienen die Aerzte des Ortes und brachten mir eine Sammlung dieser Laternen, die ich Tags zuvor in Nagoya bewundert, zum Geschenk.