Die Eisenbahnlinie steigt durch ein enges Thal zu einer kleinen Ebene, die mit Maulbeerbäumen bepflanzt ist. Zur rechten erscheint ein stattlicher, oben nackter Berg, Ibuki-yama (4300 Fuss hoch), einer der „sieben hohen Berge“, die schon in der alt-japanischen Arzneimittellehre wegen ihrer Heilkräuter berühmt waren. In der That sah ich auch an den Halteplätzen Bauern, die dort oben grosse Bündel frischer Kräuter und Wurzeln gesammelt hatten. Weiterhin fährt der Zug am Ostufer des Biwa-See’s entlang, den wir aber erst an seiner Südseite, bei Baba-Otsu, zu Gesicht bekommen, dann durch einen Tunnel; sofort erscheinen die fichtenbekränzten Hügel, welche die alte Mikado-Stadt Kyoto von allen Seiten umgeben.

Hier in dieser Gegend liegen die fünf Stammprovinzen des japanischen Reiches, darunter Yamato, wo seit uralter Zeit das Hoflager des Mikado gewesen: zuerst mit wechselndem Sitz, indem jeder neue Herrscher gerade so, wie in manchen mohammedanischen Ländern, einen neuen Platz für seinen Palast wählte; vom Anfang des achten Jahrhunderts n. Chr. bis 783 zu Nara; von 793 an zu Miyako oder Kyoto. Das erste Wort ist der japanische, das zweite der chinesische Name für Hauptstadt. Die Stadt wurde sehr regelmässig angelegt, 5½ Kilometer breit von Ost nach West, 6½ Kilometer lang von Nord nach Süd. 1⁄15 der Fläche, in der Mitte der Nordseite, wurde für den Palast des Herrschers (Heianjo = Friedensschloss) eingeräumt; von hier zog eine Strasse von 240 Fuss Breite senkrecht nach Süden.

Auch die damit gleichlaufenden Nord-Südstrassen wurden sehr breit angelegt und neun, welche die Namen Erste Strasse, Zweite Strasse u. s. w. führen, von Ost nach West. Also der Städte-Plan und die Strassen-Bezeichnung waren vor 1000 Jahren so zweckmässig und einfach, wie derzeit nirgends in Europa, ja wie wir sie auch heutzutage nur selten in den alten Erdtheilen vorfinden, wo auf das Bestehende so viel Rücksicht zu nehmen war, regelmässig aber in dem neuen und in dieser Hinsicht unbeschränkten America. In dem Palast zu Kyoto lebten im Kreise des Hofadels (Kuge), dem Volk verborgen, die göttlichen Mikado. Seit der Einführung des Shogunats (1192 n. Ch.) waren sie in der Hand des wirklichen Herrschers nur willenlose Puppen, die oft genug, freiwillig oder einem sanften Zwange nachgebend, zurücktraten, um ein beschauliches Mönchsleben in einem schönen Gartenhaus zu führen, ganz besonders in den letzten 250 Jahren (1603 bis 1868) zur Zeit der Tokuyawa Shogune. Der vorletzte Mikado brachte in seinem weitläufigen Palast seine Zeit mit der Pflege des No-Spiels hin. Der jetzige Mikado Mutsu Hito hat, in richtiger Würdigung der Verhältnisse, nachdem er die weltliche Herrschaft wieder erlangt, seinen Wohnsitz nach Tokyo verlegt, von wo aus Japan während der Blüthezeit des Reiches kraftvoll regiert worden war.

So macht denn Kyoto heutzutage den Eindruck einer abgesetzten Hauptstadt, wie Versailles unter der heutigen Regierungsform Frankreichs. Aber Kyoto ist immer noch die erste Stadt Japan’s im Kunstgewerbe, in regelmässiger Bauart und Reinlichkeit der Strassen; und die dritte an Volkszahl: sie hat 279000 Einwohner. (Im Mittelalter vielleicht das Doppelte.[205]) Noch werden Kunst und Wissenschaft gepflegt, aber Osaka und Kobe haben den Handel und die Ausfuhr an sich gerissen. Immerhin ist es für den europäischen Reisenden die interessanteste Stadt Japan’s, welche in Palästen und Tempeln[206] die grössten Sehenswürdigkeiten bietet und zu einem längeren Aufenthalt einladet, als ihr gewöhnlich von dem mit seinem japanischen Führer durcheilenden Globetrotter gewidmet wird.

Ich selber habe eine inhalts- und genussreiche Woche hier zugebracht. (Vom 30. September bis 6. October.) Merkwürdig ist, dass Kyoto, der Sitz des Mikado, des Shinto-Horts, gleichzeitig die heilige Stadt der Buddhisten geworden und geblieben: das spricht für einen Grad von Duldsamkeit der Ostasiaten, der uns Europäern bis heute noch unbekannt geblieben.

Für mich war die freundliche Fürsorge meiner ehemaligen Zuhörer und der übrigen Aerzte von entscheidender Bedeutung. Die ältesten Klöster und Kirchen öffneten mir, wenn ich mit dem Hausarzt des Oberpriesters anklopfte, bereitwilligst ihre Pforten und gewährten mir Einblick in die eifersüchtig gehüteten Kunstschätze; ich habe einige Dinge gesehen, die vielleicht noch keines Europäers Auge erblickt hatte.

Schon der Empfang und das Geleit nach dem ziemlich guten Kyoto-Hotel,[207] 20 Jinrikisha hinter einander, mit den schnellsten Läufern bespannt, so seltsam dies auch dem Auge des Europäers erscheinen mochte, erregte das freudige Staunen der Einheimischen, die in ihren Zeitungen stets über meine Reisen, Festessen und die dabei gehaltenen Reden unterrichtet waren, und erweckte den Neid eines amerikanischen Reisegefährten, mit dem ich den stillen Ocean gekreuzt hatte. „Was kostet dieser prachtvolle Zug so gut gekleideter Japaner? Kann ich ihn nicht auch haben? Mein Führer hat mir davon nichts gesagt.“ Ich erwiederte ihm, das könne er auch haben, und noch dazu ganz umsonst: er solle nur Universitätsvorlesungen halten, die den Japanern gefielen. Der Mann erinnerte mich an einen Californier, welcher in Korinth beim Frühstück mir die Frage vorgelegt, ob er nicht Olympia kaufen könne, oder (da ich ihn auslachte) „wenigstens Delphoi.“

Der erste Nachmittag war einem Ausflug nach dem volksthümlichsten Tempel der Stadt gewidmet, nach Sanjusangendo. Das Wort bedeutet „33 Zwischenräume“, nämlich zwischen den Pfeilern. Der Tempel ist der Kwannon, der Göttin der Gnade gewidmet, der tausendarmigen, da die Gottheit mit tausend Mitteln für den Sterblichen sorgt. In Wirklichkeit hat sie 40 Hände, welche buddhistische Sinnbilder halten, die Lotusblume der Reinheit, die Sonne, den Mond; eine Axt, um die Sorgen dieser Welt zu beseitigen, die metallene Büchse der buddhistischen Bettelmönche. Höchst merkwürdig ist im Innern des Tempels der Wald von 5 Fuss hohen vergoldeten Bildsäulen der Göttin, die reihenweise aufgestellt sind. Es sollen 33000 sein, sind aber in Wirklichkeit nur 1000; die erste Zahl kommt heraus, wenn man die kleineren Götterbilder an den Köpfen, Heiligenscheinen, in den Händen der grössern hinzu rechnet. Auf dem Altar ist eine grosse sitzende Figur von Kwannon, darum einige vom Alter geschwärzte, sehr gut gearbeitete Holzbildsäulen von Heiligen. Der Tempel ist 1132 gegründet, 1165 von dem ehemaligen Mikado Go-Shirakawa ausgeschmückt, 1266 und 1662 (nach Feuersbrünsten) neu aufgebaut, das letzte Mal von dem Shogun Yetsuna.

Folglich hat Kämpfer (1690–1692) die jetzige Gestalt des Tempels gesehen und abgebildet. Auf seiner Zeichnung ist eine merkwürdige Sitte der alten Zeit dargestellt: die Bogenschützen übten sich, von einem Ende der Vorhalle bis zum andern zu schiessen. Das Gebäude hat die achtungswerthe Länge von 389 Fuss, bei 57 Fuss Breite. Heutzutage sieht man keine Bogenschützen, aber ein lustiges Gewühl grosser und kleiner Kinder, unter denen übrigens mehr und beharrlichere Bettler sind, als ich sonst irgendwo in Japan gefunden.

Der genannte Go-Shirakawa litt an heftigem, schier unheilbarem Kopfschmerz. Als er hier im Tempel bis Mitternacht betete, erschien ihm ein Mönch und theilte ihm mit, dass er, der Mikado, in einem früheren Dasein der Mönch Renge-bo gewesen sei, dessen Schädel jetzt in einem Flusse liege und durch einen daraus emporgewachsenen Weidenbaum von dem Winde erschüttert würde. Daher der Kopfschmerz! Als der Fürst erwachte, liess er den Schädel an der ihm genannten Stelle aufsuchen und dem Hauptbildniss der Kwannon einverleiben. So wurde er geheilt. Man sieht, die japanischen Priester-Aerzte kannten die Wirkung des Tempel-Schlafes so gut wie die griechischen, deren Gebahren Aristophanes so ergötzlich beschrieben.