In der Nachbarschaft ist eine grosse Buddha-Bildsäule (Daibutsu) aus Holz, 58 Fuss hoch, nur Kopf und Schulter, aber grundhässlich, 1801 durch einen Kaufmann aus Osaka errichtet, an derjenigen Stelle, wo einst Hideyori, Yeyasu’s Mitbewerber um den Thron, auf dessen listigen Rath sein ganzes Vermögen auf den Bau einer 58 Fuss hohen sitzenden Bronzebildsäule des Buddha verschwendet, die schon 1662 mitsammt dem umgebenden Tempel durch ein Erdbeben zerstört und — zu Kupfermünzen eingeschmolzen worden.
Neben dem Daibutsu hängt eine der beiden grössten Glocken Japan’s, 14 Fuss hoch, 9 Zoll dick, 9 Fuss im Durchmesser,[208] 63000 kg schwer, gleichfalls von Hideyori. Die japanischen Glocken sind Hohlcylinder mit oberer Kuppel ohne die untere Erweiterung der unsrigen. Sie werden angeschlagen durch einen aufgehängten Holzbalken, den man einmal mit grosser Kraft dagegen schwingt. Der Klang ist sehr schön, das Nachklingen dauert eine volle Minute. Leider verwenden die Japaner heutzutage, z. B. im Eisenbahndienst, die weit hässlicheren Glocken Europas.
Eine Strasse, zu beiden Seiten dicht besetzt mit Läden voll irdener Spielwaaren für die Kinder, leitet empor zu einem Hügel mit schöner Aussicht und zu dem Tempel Kiyomizu-dera, der geburtshelfenden Kwannon gewidmet, und darum stets bei Tag und bei Nacht von Frauenschaaren belagert. Durch ein zweithoriges, hohes Gitter kommt man vorbei an kleineren Schreinen zu dem Haupttempel, der in absichtlicher Einfachheit prangt, mit unbehauenen Holzsäulen und nacktem Flur. Der Schrein mit der 5 Fuss hohen Bildsäule der Kwannon wird nur alle 30 Jahre einmal geöffnet.
Am Abend besuchte ich mit sämmtlichen Deutschen, die gerade in dem Hotel verweilten, sieben an der Zahl, darunter ein Ehepaar aus Canton, die Theaterstrasse von Kyoto, die dicht bei unserm Hotel liegt. Das ist ein seltsamer Anblick. Haus bei Haus Theater, Bogenschiessstand, Würfelbude, Theehaus; Alles mit den zierlichen Laternen auf das festlichste erleuchtet, die Strassen gedrängt voll von der fröhlichen Menge, Gross wie Klein an den nämlichen Nichtigkeiten sich erfreuend. Das Theater fesselte uns nicht lange, da es ziemlich gewöhnlich war, und wir das Stück trotz der Erläuterungen des mitgenommenen Führers nicht verstanden.
Achtungswerth sind die Leistungen der Gaukler; diese Leute sind nicht bloss sehr geschickt, sondern auch ausnehmend kräftig; einer balancirt mit den Füssen einen grossen Holzkübel, in dem ein Baum und auf dessen Aesten zwei oder drei Menschen sich befinden.
Eigenartig ist das Glücksspiel. Man kauft ein Loos, das zu sechs Ziehungen berechtigt, und holt kleine japanische Kinder heran; ein dickes, dichtes Bündel von Fäden mit kleinen Handgriffen hängt herab; das Kind ergreift einen und zieht; an dem Faden hängt entweder ein Spielzeug als Gewinn oder eine Niete. Nur eines störte das Vergnügen in Ostasien, die englische Inschrift, dass vor Taschendieben gewarnt wird.
Der folgende Tag war den Palästen gewidmet.
Der des Mikado (Gosho genannt), 798 n. Chr. erbaut, wiederholentlich durch Feuer zerstört[209] und neu erbaut, das letzte Mal 1854 im alten Styl wieder aufgerichtet, seit 1868 nicht mehr bewohnt, bedeckt 26 Acres[210] (= 10 ha) und ist von einem niedrigen geglätteten Erdwall mit sechs Thoren umgeben. Von den Schwierigkeiten, welche die Palastbeamten manchem Reisenden bereiteten, habe ich nichts verspürt. Man zeigt den auf den Namen lautenden Erlaubnissschein, wird in ein kleines Haus geführt, das als Empfangshalle dient, und zeichnet seinen Namen in das ausliegende Buch. Von hier aus begleitete uns ein höherer Beamter von sehr würdevollem Benehmen, in japanischer Tracht, den Fächer in der Rechten, zu den verschiedenen Gebäuden, welche über die grosse Fläche zerstreut sind.
Zuerst nach Seiryōden, das heisst die kühle Halle. Das Gebäude (63×36 Fuss) ist aus dem Holze des heiligen Baums (hinoki, chamaecyparis), aus dem auch die Shinto-Tempel gebaut sind, und macht mit seinen rothgestrichenen Pfeilern und dem dicken Schindeldach (aus der Rinde desselben Baumes) einen höchst feierlichen Eindruck. Ursprünglich war es der Wohnsitz des Mikado, später aber wurde es nur zu Festlichkeiten benutzt. In einer Ecke besteht der Fussboden aus Cement, worauf jeden Morgen frische Erde gestreut wurde, so dass der Fürst, ohne das Haus zu verlassen, seinen Vorfahren auf erdigem Grunde die vorgeschriebenen Opfer darbringen konnte.
Der Thron ist eine Erhöhung, mit Seidenvorhängen, der eigentliche Sitz eine Matte.