Unablässiges Gewühl fröhlichen Volkes füllt die Räume dieses der Ryobo Shinto-Secte gehörigen Heiligthums, in dem zahlreiche Theehäuser zum Verweilen einladen.

Weit vornehmer ist Kinkakuji, ein Kloster der buddhistischen Zen-Secte. Kinkaku heisst goldenes Gartenhaus. Das war das Vorbild für das silberne (Ginkaku), von dem ich schon gesprochen. Im Jahre 1397 n. Chr. zog sich Yoshimitsu hierher zurück, nachdem er drei Jahre zuvor die Würde des Shogun seinem jungen Sohn übergeben; schor sein Haupt, zog die Kutte eines buddhistischen Mönches an und lebte in Zurückgezogenheit, aber doch unter lebhafter Theilnahme an den Staatsgeschäften: genau so, wie sein unbewusster Nachahmer Karl der Fünfte (1556–1558) zu San Yuste in Estremadura, und wie der grosse Jeyasu.

Noch steht aufrecht, wiewohl schon verwittert, das alte Gartenhaus, 33×24 Fuss, dreistöckig, mit Bildsäulen des Gründers und Amida’s im Innern, fast erloschenen Wandgemälden und mit Spuren der dicken Vergoldung an den Wänden des Ober-Stocks, sowie mit einem 3 Fuss hohen Phönix auf dem Dach. Reizvoll ist der stille Garten mit seinem See, dessen Ufer und Inselchen fichtenbekränzt sind, und dessen Wasser uralte, gierige Karpfen birgt, die sofort zum Futterplatz schwimmen, sowie ein Fremder naht. Eine Pinie in Dschunkenform wird von den Japanern besonders schön gefunden. Der Reisende zieht die Gemälde in den Wohnräumen vor: mit Staunen erblickt er lustige Scenen, z. B. Kinder, die auf einen Elephanten emporklettern und mit Hunden spielen, in der Art wie Murillo — in Japan sie gemalt haben könnte; mit Bewunderung chinesische Kleinmalerei. Der Priester bewirthet uns wieder mit Thee und verabschiedet sich mit grosser Höflichkeit.

Die Fahrt über den Biwa See (am 3. October) war darum besonders genussreich und ergiebig, weil der kleine Dampfer uns ausschliesslich zur Verfügung gestellt war. Mit meinen zwei unermüdlichen Collegen fuhr ich nach Otsu, woselbst die Aerzte des Ortes mich empfingen und der Erste (Dr. Muradsi) die Führung übernahm. Höchst drollig war es, wie jeder Mensch im Orte ihn mit rechtwinkliger Neigung des Körpers begrüsste: die japanische Mutter, die das Kleine auf ihren Rücken gebunden trägt; der Vater, der ein schon grösseres Kind auf dem Arm hält, die Kleinen dabei durchaus ruhig und artig, ohne im geringsten zu schreien, und das zwanzig Mal hintereinander in jeder Gasse!

Der Biwa-See hatte zwar zur Zeit nicht den hellgrünen Wasserspiegel, den Rein rühmend hervorhebt, da eben der Himmel ein wenig bewölkt war, aber doch höchst reizvolle Ufer; er ist hier, an seinem Südende von niedrigen, bewaldeten Bergen umgeben, welche die Gestalt von Vulkanen besitzen.

Wir fahren fort, — erst unter der neuen Eisenbahnbrücke, dann unter der alten Brücke von Seta, die den Fluss Setagawa da überspannt, wo er aus der Südost-Ecke des See’s hervorkommt. Eine Brücke hat hier, am Nakasendo, der Gebirgs-Heerstrasse zwischen Kyoto und Tokyo (aus dem achten Jahrhundert n. Chr.), seit uralter Zeit bestanden. Die jetzige ist erst im Jahre 1875 wiederhergestellt. Es ist eine Doppelbrücke, da in der Mitte des Flusses eine Insel liegt, von 215 + 576 Fuss Länge, auf hölzernen Jochen ruhend. Die Brücke ist berühmt in Sage und Geschichte. Hier hat, nach alten Mären, der kühne, auf Abenteuer ausziehende Ritter das hundertfüssige Ungeheuer besiegt und zum Lohn von einem dankbaren Zwerge den Sack mit Reis empfangen, der nie leer wurde, so oft er auch daraus seine Nahrung entnahm.

Um den Besitz dieses wichtigen Uebergangs ist in geschichtlicher Zeit so manch’ blutiger Strauss gefochten worden.

Wir dampfen eine kurze Strecke flussabwärts und landen bei dem berühmten Kloster Ishiyama-dera. Der Name heisst wörtlich Felsbergtempel und rührt her von einigen abenteuerlich gestalteten schwarzen Fels-Steinen und Rücken, die inmitten des Tempelgrundes hervorragen und von den findigen Priestern mit Geschick zur Verschönerung ihrer Gartenanlagen benutzt worden sind. Gegründet ist das Kloster 749 n. Chr., umgebaut 1078 und am Ende des 17. Jahrhunderts. Der Haupttempel auf dem Gipfel des dichtbewaldeten Hügels ist der Kwannon gewidmet und zeigt das Götterbild von 16 Fuss Höhe, in dessen Innern der eigentliche Gegenstand der Verehrung, eine Bildsäule von nur 6 Zoll, verborgen liegt. Vor dem Altar hängen Gebet-Mühlen, die ungefähr so gedreht werden, wie unsere Kaffee-Mühlen, und eine Glücksbüchse, welche die Jahreszahl 1888 trägt! Sie enthält 12 Metallstäbe, mit je 1 bis 12 Kerben. Man schüttelt die Büchse und drückt: dann springt ein Stab hervor, gerade so wie aus den niedlichen japanischen Zahnstocher-Büchschen. Der Fragende liest sein „Schicksal“ von einer Tafel ab, die 12 verschiedene Verse enthält. Es ist recht ähnlich, wie auf unseren Jahrmärkten, wo die im Monat Mai geborene Schöne das Verslein zieht: „Die Mädchen geboren im Monat Mai, sind alle lustig und sorgenfrei“; aber, wenn sie älter und erfahrener wird, sehr bald bemerkt, dass diese Weissagungen nicht stimmen. Zahlreiche Besuchskarten von Pilgern, mit Namen, Wohnort, Besuchstag, sind hier aufgehängt, ein weiterer Beweis für die kindliche Art dieses „Gottesdienstes.“

Ein Punkt, welcher auf japanisch als Baum der Vollmondbetrachtung bezeichnet wird, gewährt eine wirklich schöne Aussicht auf den Fluss, die lange Brücke, den See und die Uferberge. Wenn ich auch in meinen ersten japanischen Tagen den Unverstand der gewerbsmässigen Führer zu tadeln hatte, die gar keinen Begriff davon hatten, was den europäischen Reisenden am meisten reizt und fesselt; so muss ich doch den gebildeten Japanern, meinen Collegen, selbst denen, die keine europäische Sprache verstehen, nachrühmen, dass sie für die Natur- und Kunstbedürfnisse des Reisenden ein volles Verständniss an den Tag legten.