Den Beschluss der Betrachtungen machte wieder ein Kloster, das hauptsächlichste der buddhistischen Jodo-Secte, Chion-in, auf einem Hügel wie eine Festung belegen.

Das Kloster ist 1211 n. Chr. gegründet von dem frommen und grundgelehrten Honen Shonin, der eine besondere Lehre begründet, von der Erlösung oder dem Wege zu dem reinen Land. (Japan. Jodo, im Sanscrit Sukhavâti, d. i. der Himmel von Amida.) Vier Mal ist das Gebäude vom Feuer zerstört worden und rührt in seiner gegenwärtigen Gestalt her von Jeyasu (1603) und Jemitsu (1630).

Eine breite Allee führt zu einem mächtigen 80 Fuss hohen Thorweg, in dessen zweitem Stockwerk lebensgrosse Holzbildsäulen von Shaka und seinen Jüngern zu bewundern sind, sowie eine herrliche Aussicht über die Stadt, über die hügelige Landschaft mit zahlreichen Wohnhäusern und auf den Wald. Ich weiss nicht, ob es zufällig oder absichtlich geordnet ist; aber das Bild des letzteren war sehr ebenmässig und malerisch, ich sah die folgende Ordnung: Fichte, Bambus, Laubholz, Bambus, Fichte. Die 1633 n. Chr. gegossene grosse Glocke (10,8 Fuss hoch, 9 Fuss weit, 74 Tonnen schwer) wird seit Kurzem mittelst einer Maschine bedient, welche den mächtigen Holzbalken zum Anschlag bewegt. Der Haupttempel, 167×138, 94 Fuss hoch, ist das grösste Gebäude in Kyoto. Der Altar ist dem Gründer gewidmet; vor ihm stehen metallische Lotuspflanzen von 21 Fuss Höhe in Bronzegefässen.

In dem zu dem Kloster gehörigen Palast, den Jemitsu erbaut hat, sind berühmte Gemälde der Kano-Schule: die Katze, welche den Beschauer anblickt, wo er auch stehen mag; der Sperling, der angeblich, als die Wand schon bemalt war, durch das Zimmer flog und nun auch abgebildet wurde.

Der folgende Tag war, der Abwechslung halber, einem Ausflug gewidmet und zwar nach den Wasserfällen des Katsura-gawa.

Früh um 8 Uhr brach ich auf in zweispänniger Jinrikisha, deren Kasten vorsorglich das Frühstück nebst Getränk (Flaschenbier) barg; mit zwei jungen Aerzten, die mich nicht allein lassen wollten, und dem Führer, der eigentlich Nachfolger war und den ich nur angenommen, um den Collegen zu zeigen, dass ich Führerdienste von ihnen nicht beanspruchte.

Die Fahrt geht westlich durch die ausgedehnte Stadt und die dicht anschliessenden Dörfer, zwischen Feldern, die besser aussehen als riechen, da allenthalben kleine Dunggruben eingerichtet sind; im guten Schritt einen Hügel empor, durch einen hübschen, neuen Tunnel (ähnlich dem vom Posilip bei Neapel, nur kürzer,) und im Galopp bergab nach dem Dorfe Hodzu, 14 englische Meilen von Kyoto, wo die Wasserfälle beginnen. Auch die bergige Gegend war sehr belebt; Menschen und Ochsen ziehen kleinere oder grössere Karren, bergauf mit Reis, bergab mit Holz und Kohlen.

Bei Hodzu werden die Jinrikisha mit in das grosse, aus zolldicken biegsamen Brettern, ohne Rippen, zusammengefügte Boot genommen. Das letztere wird mit Grashalmen gelenkt, nämlich mit langen Bambusstäben. Der Fluss dringt zwischen die Berge, die allenthalben steil, mitunter fast senkrecht emporsteigen, an den Wänden einzelne Fichten tragen, oben dicht (mit Fichten, Buchen, Bambus) bewaldet sind. Unsere Thalfahrt beträgt 13 englische Meilen und dauert zwei Stunden, zur Rückfahrt braucht das Boot sechs Stunden und wird mittelst Seilen getreidelt. Wir begegnen vielen Frachtbooten, die so flussaufwärts fuhren. Von Zeit zu Zeit kommen Stromschnellen, die trotz ihrer hochtrabenden Namen, wie Löwen-Rachen, nicht im mindesten gefährlich oder nur aufregend, sondern eher belustigend sind, — gerade so wie die an dem ersten Cataract des Nil. In dem ausserordentlich schön gelegenen Theehaus zu Arashiyama ruhen wir aus[212] und erfreuen uns des mitgebrachten Frühstücks.

Auf der Heimfahrt in Jinrikisha lernte ich die Richtigkeit des Satzes kennen: Kein Tag ohne Tempel. Das gilt für den Reisenden in Japan, wie in Rom.

Wir besuchten zunächst Kitano Tenjin. Dieser Tempel ist dem Tenjin Sama geweiht, dem berühmten Minister und Gelehrten, der 901 n. Chr. in Ungnade fiel und, als Vicepräsident nach der Insel Kiushiu verbannt, daselbst 903 verstorben ist. Er wird unter anderem auch als Gott der Schönschreibekunst verehrt. Da er auf einer Kuh zu reiten liebte, findet man verschiedene Bildsäulen dieses Thieres auf dem Tempel-Grund. Sehr seltsam ist eine Art von Schuppen, unter dessen Dach zahlreiche, hieher gestiftete Bilder aufgehängt sind; dieselben schienen von verschiedenem, zum Theil recht zweifelhaftem Werthe zu sein. Manche sind wie gespickt von Papierkügelchen. Die Gläubigen kauen ein Stück Papier und speien dasselbe gegen das Bild; wenn es haftet, ist der Heilige gnädig und zur Gewährung der Bitte geneigt.