Mit Zuvorkommenheit zeigen uns die Priester auch die inneren Gemächer und deren zahlreiche Gemälde, z. B. die Geschichte des Gründers, in chinesischer Manier; 50 Buddhas, deren Körper und Heiligenschein lediglich aus den chinesischen Buchstaben des Gebetanfangs (Namu Amida Butsu) besteht, u. dgl. mehr, endlich auch das Riesenschwert von Naozone.

Ueber einen schöngelegenen, an dem Hügel emporsteigenden und mit zahlreichen Bronze-Bildsäulen von Buddha geschmückten Kirchhof gelangen wir zu dem grossen Tempel Shinnyo-do.

Die Inschrift, von dem berühmten Schönschreiber und Heiligen Kobo Daishi (774–834 n. Chr.), hat einen fehlerhaften Buchstaben. Daher das japanische Sprichwort: mitunter irrt sich auch Kobo; ganz ähnlich dem römischen: mitunter schläft auch Homer.

Ginkakuji, das silberne Gartenhaus, liegt jenseits der Nordostgrenze von Kyoto in einem Dorfe.

Hierher zog sich 1479 n. Chr. Yoshimasa zurück, nachdem er die Würde des Shogun niedergelegt. Noch heute zeigt man die Plätze, wo er philosophirte, wo er den Mond bewunderte u. s. w. Der Garten lehnt sich an einen dicht mit Fichten bewachsenen Hügel, sieht darum natürlicher aus, als die meisten in Japan, und bietet eine angenehme Erholung. Das Gartenhaus ist stark verfallen und war nie mit Silber belegt, da Yoshimasa eher starb, als er seinen Plan ganz durchführen konnte. Hier wurden die berühmten Thee-Ceremonien erfunden. Der Priester, welcher als Führer dient, bewirthet den Reisenden mit einer Tasse Thee, die man aber ohne Ceremonien nehmen darf.

Nachdem wir noch das Nanzenji-Kloster besucht, mit seinem Riesenthor, und den vergoldeten Bildsäulen von Shaka und zwei andern, deren Namen wir weniger leicht behalten; kam einmal zur Abwechslung ein weltliches Schaustück, der Canal des Biwa-See.

Biwa heisst Guitarre. Der Biwa-See, nach japanischer Ueberlieferung im Jahre 286 v. Chr. durch ein Erdbeben plötzlich entstanden, während gleichzeitig Berg Fuji aus der Ebene sich emporhob, ist etwa 36 englische Meilen lang und 12 breit, ungefähr so gross, wie der Genfer See. Er liegt mit seinem Wasserspiegel 100 Meter über dem Meer, hat eine grösste Tiefe von 100 Metern, zahlreiche flache Stellen, und einzelne kleine Felseninseln. Seine acht Schönheiten werden von der Dichtkunst und der Malerei der Japaner verherrlicht. Sein natürlicher Auslass ist ein Fluss, der vom Südende des See’s beginnt, erst als Seta-gawa, dann als Uji-gawa, und schliesslich, als Yodo-gawa, bei Osaka in die gleichnamige Bucht strömt.

Ein Nebenfluss ist der Kamo-gawa, der Kioto bewässert und südlich von der Hauptstadt, bei Fushimi, in den Yodogawa sich ergiesst. Zu diesem natürlichen Auslass kommt noch ein künstlicher, der Biwa-Canal, von einem japanischen Studenten der Ingenieurschule ersonnen und auch unter seiner Leitung 1885–1890 ausgeführt, für 1¼ Millionen Yen, von denen der Mikado ein Drittel gespendet. Der Canal besteht aus zwei Zweigen, dem einen für die Schifffahrt, dem andern für künstliche Bewässerung und zur Krafterzeugung. Der erste ist gegen 7 Kilometer lang, der zweite etwas über 5 Kilometer, der Fall beträgt 193 Fuss. Der Hauptcanal führt von dem See in den Kamogawa; aber dicht vor Kyoto ist eine stark geneigte Ebene, über welche die Schiffchen mittelst einer Drahtseilbahn, deren bewegende Kraft von dem Wasser des oberen Canalabschnittes geliefert wird, abwärts befördert werden, zu einem offenen Canal mit einer Schleuse.

Obwohl nur kleine Schiffe passiren können, ist es doch ein hübsches Werk, ein beredtes Zeugniss von der Schnelligkeit, mit welcher Jung-Japan die Errungenschaften der neuen Naturforschung annimmt. In Stambul, Aegypten, Klein-Asien sind alle Werke der Art ausschliesslich von Europäern hergestellt.

Noch eine Bemerkung möchte ich machen. Wie man vor der Ausführung des Suez-Canals zur Zeit des ersten Napoleon die unbegründete Furcht hegte, dass in Folge eines höheren Wasserspiegels im rothen Meer Unterägypten bis zum Mittelmeer unter Wasser gesetzt werden könnte; so fürchtete man in Japan, dass durch den Canal der herrliche Biwa-See abfliessen und mit seinen acht Schönheiten und der reichen Ernte von Fischen und Tang ganz austrocknen könne. Selbstverständlich ist das Niveau des See’s gar nicht geändert worden; der Canal ist weit schmäler als der natürliche Ausfluss. Mit Vergnügen wanderten wir über einen bedeckten Theil des Canals und würdigten die japanischen Leistungen im Wasserbau.