Die Gemälde in diesen Räumen sind chinesische Landschaften, Chrysanthemum, wilde Gänse, die durch kräftige Hervorhebung der Zähne sogar recht wild aussehen.
Schliesslich kamen wir nach der eigentlichen Wohnung und den Behausungen des Gefolges.
Der Palast des Shogun, 1601 von Jeyasu als Absteigequartier gegründet, hiess auf japanisch Nijo-no-Shiro, d. h. Nijo-Burg. In der That, prachtvoll im Innern, sieht er von aussen wie eine Festung aus. Im Jahre 1868 hat hier der jetzige Mikado, in seine vollen Rechte wieder eingesetzt, in Gegenwart des Staatsraths einen feierlichen Eid abgelegt, dass er in Uebereinstimmung mit der öffentlichen Meinung und der zu erwählenden Volksvertretung regieren werde. Hierauf wurde der Palast als Regierungsgebäude des Bezirks von Kyoto benutzt, und, nachdem etliche von den herrlichen Kunstwerken unersetzliche Schädigung erlitten hatten, 1883 wieder als Sommerpalast des Mikado übernommen und 1885/86 ausgebessert. Damals wurde das Wappen des Shogun (Awoi-mon, die drei Haselwurz-Blätter) an allen Thürbeschlägen ersetzt durch das des Mikado, die 16blättrige Chrysanthemumblüthe (Kiku-no-hana-mon). Leider sind die neuen Metallbeschläge wahres Blech gegen die alten!
Eine cyclopische Mauer bildet die Umwallung des Schlossgebietes. Das mächtige Thor mit vergoldetem Schnitzwerk und Metallbeschlag bleibt verschlossen; der Reisende muss durch ein bescheidenes Seitenpförtchen eintreten; dann durch einen Hof und ein zweites Thor, das dem ersten ähnlich ist, in ein Wartezimmer, wo er wieder seinen Namen in das Buch einträgt.
Nunmehr werden wir durch eine Reihe von saalartigen Gemächern geführt; die Wände sind mit grossen Gemälden (von Palmbäumen, Tigern, Riesen-Adlern) auf Goldgrund bedeckt. Der obere durchbrochene Theil (Ramma) zeigt ausgezeichnete Holzschnitzereien, einige von Hidari Jingorō, z. B. Fasanen: dabei auf beiden Seiten ganz verschieden. Die Decken, soweit sie erhalten sind, lassen höchst geschmackvolle Verzierungen erkennen. Sehr berühmt war ein Gemälde, der nasse Reiher, der betrübt auf dem Seitenrand des Kahnes sitzt. Auf diese Wandstelle hatte der Präfect früher seine Bekanntmachungen ankleben lassen!
In dem riesengrossen Audienzsaal sind die mächtigen vergoldeten Wände nur mit düstern Fichten, ganz ohne Beiwerk von Mensch und Thier, bemalt. In diesem Palast, von dem leider nur ein Theil erhalten ist, vergisst man die landläufige Ansicht, dass die japanische Kunst nur Kleines und Niedliches schaffe. Die Wirkung ist grossartig, ja überwältigend. Die Anlage und Ausstattung dieses Schlosses entsprach der Hoheit der Fürsten, die einst darin walteten.
Nach kurzer Frühstückspause setzte sich unser Zug wieder in Bewegung, um erstlich Porzellan- und Seiden-Fabriken,[211] zweitens Klöster und Kirchen zu besichtigen.
Kurodani, ein Kloster der buddhistischen Jodo-Secte, im 13. Jahrhundert n. Chr. begründet und im 18. Jahrhundert umgebaut, liegt reizvoll an der Seite eines Hügels. An diesem Ort ward der japanische Saulus zum Paulus: Kumagai Naozone, ein tapferer Krieger, hatte in einer Schlacht bei Kobe (1184 n. Chr.) einen edlen Jüngling aus dem feindlichen Clan, Atsumori, überwältigt; reisst ihm den Helm ab, um ihm das Haupt abzuschlagen; wird von dem edlen Antlitz tief ergriffen, — wie die Jungfrau von Orleans bei dem Treffen mit Lionel, — überwindet das Mitleid und tödtet den Jüngling, der heldenmüthig, ohne zu klagen, dem Schicksal sich unterwirft. Aber Naozone findet fürder keine Ruhe, er legt sein Schwert nieder in dem Tempel von Kurodani und widmet den Rest seines Lebens dem Gebet für Atsumori. Die Begebenheit bildet den Gegenstand eines geschichtlichen Schauspiels der Japaner.
Am Eingang des Klosters stehen zwei wundervolle Fichten. Die Zweige der einen sind durch Stützen wie ein Fächer ausgebreitet, die der andren, an welcher Naozone seine Waffen aufhing, wie ein Lotosblatt gestaltet. Die Japaner treiben eine wahre Orthopaedie der Bäume.
Der Altar strotzt von Gold. Ein vergoldeter Schrein enthält die Bildsäule des Kloster-Gründers Honen Shonin; ein Gemälde auf einem Gang hinter dem Altar hat die (auch bei uns im vorigen Jahrhundert so beliebte) Eigenschaft, den Beschauer grade anzublicken, wo letzterer auch sich hinstellt. Neben dem Altar hängen zwei Kakemonos. Das eine ist ein Gemälde und stellt Mandara dar, das Paradies der Buddhisten mit den zahlreichen Heimstätten der Seligen. Das andere ist eine Stickerei aus dem Jahre 1669 und stellt dar den Eintritt Buddha’s in Nirwana (Nehanzō). Buddha liegt ausgestreckt auf einem niedrigen Lager: Götter, Menschen, Thiere stehen rings herum und bezeugen ihm anbetende Bewunderung.