Ist schon die Gestalt des Denkmals in dieser Umgebung recht gewagt, so erscheint mir ganz unpassend die an dem Gitter angebrachte Sammelbüchse, welche in englischer Sprache Beiträge zur Erhaltung der umgebenden Gartenanlage fordert.
Hier war es auch, wo der Angriff auf den russischen Thronfolger am 11. Mai 1891 seinen Ausgang nahm. Die Sache verlief, nach den Mittheilungen meiner Begleiter und der Augenzeugen, die ich in der engen Gasse von Otsu persönlich befragte, in der folgenden Weise. Der Sohn des Czaren stand in bürgerlicher Kleidung auf dem Platz neben dem Obelisken, begleitet von dem Sohn des Königs von Griechenland, einem japanischen Prinzen und Anderen.
Der dienstthuende Polizeisoldat Tsuda Sanzo, der in dem eben erwähnten Feldzug gegen die Satsuma-Empörer sich ausgezeichnet, ein ordentlicher, aber etwas verrückter Mensch, grüsste militärisch durch Präsentiren des Säbels. Der Czarewitsch dankte nicht, vielleicht sah er den Soldaten gar nicht, sondern kritzelte mit seinem Spazierstock eine Figur in den Sand, die dem Polizisten die Hauptinsel des japanischen Reiches zu sein schien.
Nun muss man bedenken, dass bei den Japanern grosses Missbehagen gegen ihre russischen Nachbarn herrscht, welche ihnen halb mit Gewalt die Insel Sachalin gegen die unbrauchbaren Kurilen abgetrotzt und durch die schon begonnene sibirische Eisenbahn ihnen unangenehm auf den Leib rücken. Viele der gewöhnlichen Japaner glaubten, dass die Reise des Czarewitsch einen politischen Zweck verfolge. Jener Polizeisoldat aber wurde von der Wahnidee befallen, dass der Sohn des russischen Kaisers bereits das theure Vaterland gekauft und erworben habe und ihn wie einen Sklaven missachte; und — getödtet werden müsse.
Aber Ostasiaten denken und handeln nicht so schnell, wie Europäer. Eine Viertelstunde später holte er den Grossfürsten ein, der in einer Jinrikisha sass, (vom einen Mann, hinten einen zweiten,) in einer schmalen Gasse von Otsu vor einem Schneiderladen, und verwundete ihn von hinten mit seinem Schwert in der Schläfengegend. Der japanische Prinz, der griechische Prinz, — als sie den Lärm vernahmen, eilten sie zunächst vorwärts, um einen Ort zur Vertheidigung zu suchen, da sie an eine allgemeine Meuterei glaubten. Der hintere Jinrikisha-Mann aber hatte augenblicklich, ehe der Polizeisoldat zum zweiten, vielleicht verhängnissvollen Schlage ausholen konnte, sich niedergeworfen, den Angreifer bei den Beinen gepackt und ihn zu Boden geschleudert. Sein Vor-Mann half ihm bei der Ueberwältigung und Entwaffnung. Jetzt kam auch der griechische Prinz zurück und griff thätig ein. Die Wunde des Grossfürsten war zum Glück eine leichte, sie wurde von dem russischen Arzt verbunden; der Grossfürst auf sein Kriegsschiff gebracht. Die gesetzestreuen Einwohner von Otsu waren tief betrübt und beantragten bei der Regierung, dass der durch die schnöde That verunglimpfte Name ihres Städtchens umgeändert werde. Der Polizist, dessen Geisteskrankheit festgestellt worden, wurde auf Lebenszeit eingesperrt, ist aber bald darnach verstorben. Der wirkliche Retter des Grossfürsten, der Jinrikisha-Mann, erhielt vom Mikado ein Jahresgehalt von etwa 90 Yen, womit er sehr gut ohne Arbeit auskommen konnte, vom Czaren, nebst einem Orden, ein Jahresgehalt von 1000 Yen, wodurch er bald in ein liederliches Leben und in’s Gefängniss gerieth.
Also das scheint sichergestellt, dass der Czarewitsch weder das religiöse Empfinden, noch die Sitten des japanischen Volkes beleidigt hatte: dass der so beklagenswerthe und auffällige Angriff die That eines verrückten Vaterland-Schwärmers gewesen. Der gewöhnliche Reisende hat nichts in Japan zu befürchten. —
Nachdem wir die Purpurfärbung des Abendhimmels bewundert und auf dem Halteplatz verschiedene Volksscenen belauscht, kehrten wir auf der Eisenbahn zurück nach Kyoto.
Der Vormittag des folgenden Tages (4. Oct.) war wiederum den Tempeln gewidmet.
Zunächst kamen wir nach Nishi Hon-gwan-ji. (West-Haupt-Gebet-Tempel.) Hier ist das Haupt-Quartier der buddhistischen Shin (Geist-) oder Monto (Thorfolger)-Secte, die von Shin-ran 1213 n. Chr. begründet ist, aber erst seit dem 15. Jahrhundert die jetzige Gestaltung angenommen, und 13718 Tempel in Japan besitzt. Man nennt sie[215] die Protestanten des japanischen Buddhismus. Sie verwerfen die Ehelosigkeit der Priester, die Enthaltsamkeit von gewissen Speisen, die Abtödtung und Bussübung, lehren den Glauben an Buddha, ernstes Gebet, edles Denken und Handeln. Ihr eigentlicher Gründer nahm ein Weib, wie Luther, und führte die Volks-Sprache und -Schrift in den Gottesdienst ein.
Das hohe, prächtige Thor des Tempels ist mit Holzschnitzereien der Chrysanthemum-Blume und -Blätter geschmückt, darüber aber ein dichtes Drahtnetz gelegt, damit die Vögel nicht ihre Nester einbauen. Auf dem Hof steht, dem Eingang gegenüber, eine über mannshohe Mauer, damit den vorübergehenden Müssiggängern der Einblick in’s Innere versperrt werde. Ein riesiger Baum auf dem Hofe soll das Gebäude — vor Feuer schützen, da er Regenschauer darüber ausschütte, sowie eine Feuersbrunst in der Nachbarschaft mit Gefahr droht. Doch glaube ich nicht, nach persönlicher Bekanntschaft mit den Priestern, dass sie solchem Aberglauben huldigen.