Das Hauptgebäude misst 138×93 Fuss und deckt 477 Matten. Das Schiff ist einfach, aber die Kanzel ganz und gar vergoldet. Zu jeder Seite der Haupthalle liegt ein ganz und gar vergoldetes Zimmer von 24×36 Fuss, worin Anrufungen des Amida (in Goldbuchstaben auf dunkelblauem Grunde) aufgehängt sind. Das Gebäude ist 1591/92 errichtet, der Schmuck alle 50 Jahre erneuert. In dem Nebentempel, der ähnlich, aber kleiner, sieht man auf der Ramma Engel in vollem Relief. Sehr schön und grossartig sind die Empfangsräume, namentlich der grosse Saal (69×54 Fuss); geschmückt mit Landschaften und Jagdscenen in chinesischem Styl.

Der Oberpriester, der uns geleitet, Akamzu Rensio, gleichzeitig Lehrer an der Priesterschule, die dicht neben Nishi Hongwanji steht und durch ihren „fremden“ Styl gar seltsam absticht, hatte mir schon drinnen, in seinem japanischen Englisch, manch’ merkwürdiges Wort gesagt; unter andern auch, als er meine Heimath erfahren, mich nach Eduard von Hartmann gefragt und grosse Freude geäussert, als ich ihm Einiges aus persönlicher Bekanntschaft erzählen konnte, und lebhaftes Bedauern, dass er dessen Schriften noch nicht gelesen habe, während er Schopenhauer aus der Uebersetzung ganz gut kenne. Aber bei der Verabschiedung setzte er mich völlig in Erstaunen. Der Ausgang führt durch Chokushi Mon, das Gitter des kaiserlichen Gesandten, woselbst die ausserordentlich naturgetreuen Holzschnitzereien, namentlich eines Bauern mit seiner Kuh, von Hidari Jingoro, meine Bewunderung erregten.

„Es ist merkwürdig, Fremdling“, sagte er, „dass Dir dieses so gefällt (und auch Deinen Landsleuten, denn ein Gesandter und ein Baumeister aus Deutschland war auch hier und gleich entzückt); und dass derselbe Gegenstand unser Wohlgefallen erregt. Jeder Mensch hat seine eigne Zunge und seinen eignen Geschmack, den leiblichen und den geistigen. Jeder Mensch hat seine eigne Religion. Es ist Pflicht, duldsam gegen einander zu sein. Wir Buddhisten sind duldsam. Ihr Europäer seid es viel weniger, soviel ich dies beurtheilen kann.“

Ich schüttelte dem alten Biedermann die Rechte und schied von ihm in der Ueberzeugung, dass es Europäer genug giebt, die in Ostasien viel lernen könnten, wenn sie eben fähig wären, sich belehren zu lassen.

Die japanische Bildhauerei ist hauptsächlich Holzschnitzerei und kam mit den Buddhisten in das Land. Der eine „Tempelwächter“ zu Nara stammt aus dem Jahre 1095 n. Chr. Aber schöner sind die Darstellungen von Vögeln und Blumen zu Nikko, Shiba, Ueno aus dem 17. Jahrhundert. Die Grösse der japanischen Bildhauerkunst liegt in der Decoration und in dem Kleinwerk, das voll Humor ist. Der japanische Phidias, Hidari[216] Jingoro (1594–1634 n. Chr.) schuf die Elephanten und die schlafende Katze im Mausoleum von Jeyasu und vieles andere. Von ihm wird die Geschichte von der schönen Galatea, dem Kunstwerk, in das der Künstler sich verliebte, auf echt japanisch erzählt.

Der zweite Tempel, den die Shin oder Hongwanji-Secte in Kyoto (wie in jeder Grosstadt Japan’s) besitzt, heisst Higashi Hon-gwan-ji (Ost-Haupt-Gebet-Tempel). Dieser Tempel ist 1602 gegründet, 1864 in dem Bürgerkrieg zerstört und jetzt neu aufgerichtet, aber noch nicht ganz vollendet. Hier sieht man, dass die Buddha-Lehre in Japan noch nicht todt ist, wie Missionäre fabeln, die es wünschen, sondern vielleicht manche europäische Secte überleben wird; und dass die Kirche über gewaltige Mittel gebietet. Das Gebäude hat eine Länge von 260, eine Breite von 170, eine Höhe von 120 Fuss, das mächtige, tief herabhängende Dach mit 163512 dunklen Ziegeln wird von 96 Pfeilern gestützt. Vier prachtvolle Bronzelaternen schmücken den Eingang, und ferner — ein Riesenseil aus Menschenhaar. 38000 Frauen haben ihren blauschwarzen Haarschmuck geopfert, damit dies Seil zum Aufwinden heiliger Gegenstände geschaffen werde. Alle Provinzen der Nachbarschaft haben beigesteuert, und zwar ungeheure Summen, die Bauern haben persönlich Holz herbeigeschafft, damit der Tempel prachtvoll errichtet werde. Und neu sieht ein solcher Bau wirklich grossartig aus. Noch wird gebaut. Eine gewundene Schrägbahn führt auf das Dach, wie nach der Meinung von Gelehrten die alten Aegypter sie bei ihren Bauten benutzt haben sollen; die Hacke zur Holzbearbeitung sitzt in einem ganz krummen Stiel, wie wir ihn aus dem Grabdenkmal des Ti (2800 v. Chr., V. Dynastie) bei Sakkara kennen.

Toji, ein buddhistischer Tempel, in der Mitte des 8. Jahrhunderts n. Chr. gegründet, wurde 823 n. Chr. von dem Mikado dem Kobo Daishi übergeben, dem Gründer der buddhistischen Shingon[217]-Secte, die heutzutage 15503 Tempel in Japan besitzt. Die jetzigen Baulichkeiten sind aus dem Jahre 1640, aber leider in Verfall. Hier steht noch der Thurm (Pagode), der sich zum Einsturz neigte, jedoch der Sage nach, durch das Gebet von Kobo Daishi, (nach andern durch einen Graben,) wieder grade gerichtet wurde. Hier stand einst ein Stadtthor, wo der Sage nach ein kühner Ritter den Teufel bekämpfte. Auch hier empfängt uns ein freundlicher Oberpriester und geleitet uns durch die Empfangsgemächer, deren neue Gemälde gewaltig hinter den alten zurückstehen, und deren Ausstattung mit elektrischen Glühlampen beweist, dass in Japan auch die Priester dem Fortschritt huldigen. In einem grossen Gemach sah man noch die Spuren eines Festessens, das Tags zuvor hier stattgefunden. Die Priester sind gastfrei gegen die Gläubigen und Verehrer; doch hörte ich, dass in Japan, wie anderswo, bei solchen Gelegenheiten ganz artige Summen für die Zwecke der Kirche — freiwillig gezeichnet werden.

Meine Freunde führten mich dann in den Haus-Garten eines wohlhabenden Japaners, um mir das Fussballspiel zu zeigen. Die Theilnehmer waren prachtvoll und gleich gekleidet, sie trugen weite blauseidne Hosen und ein weisses Hemd. Der leichte Fussball darf nicht mit der Hand berührt werden und soll nicht zur Erde fallen; so wird er mit dem Fussrücken geschickt emporgeschleudert und von dem einen Spieler dem andern zugeworfen. Selbst Grauköpfe betheiligten sich lebhaft und geschickt. Ich sah dasselbe Spiel auch in Hongkong, wo es von Chinesen, aber weniger gewandt, ausgeführt wurde.

Nachmittags besuchte ich Krankenhaus und Medizinschule. Abends hatte ich das übliche Festessen. Eine grosse Menge von Gemälden und Kunstwerken war in dem Saale für mich ausgestellt: ein altes geschichtliches Bilderbuch mit Kleinmalerei, ein grosses Rollgemälde, den Brand des Kaiser-Palastes darstellend, auch Oelbilder von Damen, von einem jungen Japaner nach europäischer Art gemalt; in einer Nische des Saales ein japanisches Prunkzimmer mit eingelegten Schränken, eine alte Goldlackbüchse[218] im Werthe von 1500 Yen. Ein ehemaliger Beamter des Mikado zeigte mir das feierliche Verbrennen von Weihrauch. Es wurde viel geredet und getrunken. Wir waren alle recht heiter.