Uji war das Ziel des letzten, südwärts gerichteten Ausflugs von Kyoto.
In Jinrikisha fuhren wir zunächst nach dem Südende der Hauptstadt. Hier liegt Tofukuji, eines der Hauptklöster der buddhistischen Zen-Secte, die schon 513 n. Chr., von Dharma in Indien, begründet ist und in Japan nicht weniger als 21547 Tempel besitzt. Zen bedeutet etwa ernste Gedanken. Tofukuji ist schon im 13. Jahrhundert erbaut und hat eine wundervolle Lage. Ahornbäume, die grade schon ihr rothes Herbstgewand anlegen, säumen von beiden Seiten eine tiefe Schlucht ein, über welche die überdachte „Himmelsbrücke“ gespannt ist. Der grösste Schatz des Klosters ist ein riesiges Rollbild (Kakemono), 48 Fuss lang, 24 Fuss breit, das Shaka’s Eintritt in Nirwana (Nehanzō) darstellt um das im Jahr 1408 n. Chr. gemalt ist von Japan’s Fra Bartolommeo, Cho Densu, der hier Jahre lang als Mönch gelebt hat. Einmal im Jahre wird das Bild für 4 Tage ausgestellt d. h. auseinandergerollt und dem anbetenden Volk, ganz von Weitem, gezeigt. Der dienstthuende Priester lachte mich aus, als ich ihm den Wunsch vortrug, jenes Bild zu sehen. Als ich aber meine und meiner Freunde Karten, nebst höflicher Bitte, dem Oberpriester übersandte, kam derselbe sogleich mit sechs dienenden Brüdern, liess die Riesenrolle herbeischleppen, an die Decke der Halle emporwinden und entfalten, so dass wir uns des Anblicks erfreuen konnten. Shaka liegt in gelassener Körperhaltung und ruhigem Gesichtsausdruck auf einem niedrigen Bau, der wie eine Steinkiste aussieht, rings umgeben von klagenden Göttern und Menschen. Vier hohe Bäume bilden einen hübschen Abschluss der Landschaft. Tiefer abwärts im Gemälde, also im Vordergrund, klagen die Thiere, Schildkröten, Vögel, Säuger, unter letzteren der Elephant und das zweibucklige Kamel.[219]
Erfindung, Zeichnung und Farbengebung schienen mir recht tüchtig zu sein, ganz ebenso gut, wie in den gleichzeitigen italienischen Schulen vor Raphael. Natürlich hat der Maler nicht darauf Rücksicht nehmen können, dass sein Werk befangenen Europäern unserer Tage gefalle. Leider sind diese Bilder nicht recht haltbar. Dass sie durch das Rollen nicht schon ganz zerstört sind, ist ein beredtes Zeugniss für die Güte des japanischen Papiers.
Ich musste noch ein zweites Riesenbild betrachten, welches auf den Erdboden gelegt wurde. Es stellt den Himmel dar und ist von einem chinesischen Künstler angeblich vor 1000 Jahren gemalt, aber durch Alter bereits so geschwärzt, dass ich mir kein rechtes Urtheil bilden konnte.
In nächster Nachbarschaft liegt der beliebte und volksthümliche Shinto-Tempel von Inari, der Reis-Göttin, 711 n. Chr. begründet, als der Buddhist Kobo Daishi hier einen Mann mit einem Reis-Sack traf und in ihm eine Erscheinung der Reis-Göttin erkannte. Dieselbe half dem Schmied Kokaji eines seiner berühmten Schwerter schmieden, mit dem er den Fels spaltete, — wie Siegfried mit Nothung den Ambos. Diese japanische Sage ist auch Inhalt eines No-Schauspiels.
Schmiede und Schwertfeger verehren den Tempel bis zum heutigen Tage.
Am 29. April jedes Jahres werden die heiligen Wagen und Sänften des Tempel, die dann als Wohnsitz der Gottheiten gelten, nach dem allerheiligsten Shinto-Tempel von Ise gebracht und am 20. Mai zurückbefördert.[220]
Füchse sind der Inari heilig. Füchse aus Thon, kleine und grosse, werden in Buden am Weg zum Tempel feilgeboten. Grosse Füchse aus Stein, einen Schlüssel in der Schnauze, sind an dem Tempelgitter aufgestellt. Drinnen drängt sich fröhliches Volk. Da sind Weiber mit kleinen Vögeln im Käfig; für 1 Sen erhält man einen, um ihn in Freiheit zu setzen. Für die kleinste Münze kauft man einige Frucht- (Gurken-)Scheiben und legt sie auf ein an Fäden befestigtes Schälchen: sofort zieht das oben sitzende Aeffchen sie mittelst eines einfachen Flaschenzugs empor, um sie schleunigst zu verspeisen. Mädchen führen unter Musikbegleitung den heiligen Tanz auf. Der Tempel ist einfach, aber die rothen Holzpfeiler vor den weissen Wänden nehmen sich ganz hübsch aus, während die vergoldeten blau-mähnigen Ungeheuer an den Enden der Vorhalle unsrem Geschmack nicht zusagen. Vor jedem der sechs kleinen Innengemächer ist ein grosser Metallspiegel von 18 Zoll Durchmesser aufgehängt. Oben auf dem Berg giebt es einen heiligen „Pfad der Berg-Höhlen“, mit zahlreichen Fuchslöchern.
Ein guter Weg bringt uns südwärts nach dem (4 ri = 10 engl. Meilen entfernten) malerisch an dem gleichnamigen Fluss gelegenen Oertchen Uji, das rings von Theepflanzungen umgeben ist. Thee ist im 9. Jahrhundert von einem buddhistischen Abt aus China nach Japan eingeführt worden. Ursprünglich wurde der Theeaufguss von den Mönchen benutzt, um den Schlaf bei den nächtlichen Studien zu verscheuchen.[221] In Uji wird Thee seit dem Ende des 12. Jahrhunderts angebaut. Seit dem 14. Jahrhundert ist Thee Nationalgetränk der Japaner. Im Jahre 1887 wurde hier auf einem niedrigen Hügel ein Steindenkmal errichtet zur Erinnerung an das tausendjährige Bestehen der Theecultur in Japan und zum Preise des Thee’s von Uji.