Der Mikado war gegenwärtig bei der Feier und bezieht auch seinen Thee aus diesem Orte. Jede Familie in Uji baut und verkauft für sich ihren eignen Thee, dem sie die seltsamsten Namen beilegen. Die besten Sorten (Gyokuro = Edelstein-Thau) kosten hier 5 bis 7½ Yen das Pfund; das ist ein Preis, der bei uns kaum gezahlt wird. Thee ist nächst Seide der wichtigste Ausfuhrgegenstand Japan’s. (Jährlich 40 Millionen Pfund im Werthe von 6 Millionen Yen.) Fast Alles geht nach Nordamerika. Die Leute von Kyoto pilgern in der Sommerzeit nach Uji wegen der schönen Aussicht und der zahllosen Leuchtkäfer, die des Abends umherfliegen.[222]
Die Hauptsehenswürdigkeit des Ortes ist das Kloster Byōdō-in der buddhistischen Tendai (Himmels-Gebot)-Secte, die aus China kam und in Japan 6391 Tempel besitzt. Das Kloster stammt aus dem Jahre 1052 n. Chr. Hier war es, wo nach der Schlacht an der Ujibrücke der 75jährige Held Yorisama, um den Rückzug seines Fürsten zu decken, mit 300 Mann gegen 20000 Feinde, dem Leonidas gleich, Stand hielt und, als er das gewollte durchgesetzt, gelassen in sein Schwert sich stürzte.
Das Hauptgebäude, neben einem Lotusteich, ist die Phoenix-Halle (Hōō-dō), eine der ältesten Holzbauten Japan’s. Der zweistöckige Mittelbau stellt den Körper des Vogels dar, die rechtwinklig davon zu beiden Seiten ausgehenden Flügel sind eben die Flügel, und die von der Mitte nach hinten ziehende Halle der Schwanz. Auf dem Dach stehen zwei Bronze-Phoenix von 3 Fuss Höhe. Die Decke im Innern ist in kleine Vierecke eingetheilt und mit Perlmutter eingelegt. Rings um den Obertheil der Wände ist ein Fries von 25 Heiligen (Bosatsu), darunter auch Frauen, die meinen Begleitern besonders merkwürdig schienen. Der Altar war ursprünglich mit Goldlack bedeckt und mit Perlmutter eingelegt. Aber der frühere Glanz ist zerfallen, und der jetzige Haupttempel sieht ärmlich aus.
In einem Theehaus am Fluss ruhen wir aus und verzehren unser mitgebrachtes Frühstück. Allenthalben, auch in so kleinen Orten, sind schon offene, mattenlose Hallen für die Fremden errichtet, um ihnen das Ausziehen der Schuhe zu ersparen.
Rechtzeitig langen wir in Kyoto wieder an, zum Packen und Briefschreiben.
Nach Osaka, Kobe, Nagasaki.
Die Eisenbahnfahrt von Kyoto nach Osaka dauert 1½ Stunden, die Entfernung beträgt nur 30 englische Meilen = 48 km. In Kyoto ist feierlicher Abschied; mein Fachgenosse aus Osaka zur Stelle, um mich zu geleiten; in Osaka wieder feierlicher Empfang. Einer meiner beharrlichsten Zuhörer, Dr. Ogata, dessen Vater bereits vor 40 Jahren, noch zur Zeit der Absperrung Japan’s, ein holländisches Werk über Heilkunde in’s Japanische übersetzt, stellt mir die bürgerlichen und militärischen Collegen vor und beruhigt mich wegen des Nachtlagers. Die blühende Handelsstadt Osaka,[223] die an der Einmündung des Yodogawa-Flusses in die Osakabucht liegt, 400 Jahre alt ist, und 476000 Einwohner besitzt, hat nur ein einziges Gasthaus, das, im Ganzen japanisch eingerichtet, nur eine kleine europäische Abtheilung besitzt, vor der ich von einigen in Kobe ansässigen Engländern gradezu gewarnt worden war. Ich hatte also beschlossen, in dem mit der Eisenbahn binnen einer Stunde zu erreichenden und mit einer europäischen Ansiedlung versehenen Vertragshafen Kobe zu übernachten.[224] Aber meine Freunde führen mich im Triumph nach dem Gasthaus und zeigen mir nicht blos das frisch gescheuerte Zimmer und den schneeweissen Bettüberzug,[225] — Reinlichkeit wird in Japan nicht vermisst, — sondern auch die europäischen Geräthe, die sie besorgt, den demüthigst sich verneigenden und Alles versprechenden Gastwirth und einen Aufwärter, welcher sogar versicherte, englisch zu verstehen. Ich habe auch die beiden Nächte ganz gut in dem Zimmer geschlafen; bei Tage war ich wenig zu Hause.
Sofort setzt sich der Jinrikisha-Zug in Bewegung nach dem Schlosse; die Führung übernimmt ein Militärarzt in Uniform. 1583 n. Chr. beschloss der Napoleon Japan’s, Taiko Hideyoshi, der Bauernsohn, welcher vom Stalljungen zum Soldaten und Heerführer und schliesslich zum thatsächlichen Herrscher Japan’s sich emporgeschwungen, an Stelle des früheren befestigten Buddha-Klosters zu Osaka, das von seinem Vorgänger Nobunaga 1580, wegen Feindseligkeit der Bonzen, zerstört worden war, ein festes Schloss zu erbauen und zu seinem Fürstensitz zu machen; und vollendete seinen Willen binnen zwei Jahren. Arbeiter wurden aus allen Theilen Japan’s, die ihm unmittelbar unterworfen waren, herbei gezogen. Seine Grafen und Ritter liessen ungeheure Steine herbeischaffen. So wurde das grösste Bauwerk Japan’s errichtet.
Will Adams, aus Chatam in Kent, 1598 Obersteuermann einer Flotte von fünf Seglern der holländischen Ostindia-Gesellschaft, von Peru nach Nagasaki verschlagen, und dann von Jeyasu als Schiffsbauer und als Unterhändler mit holländischen und englischen Schiffscapitänen bis zu seinem 1620 erfolgten Tode in „goldener Verbannung“ zurückgehalten, hat in seinen (neuerdings herausgegebenen) Briefen die Eindrücke geschildert, welche die Stadt und das Schloss von Osaka im Jahre 1600 auf ihn machten. Er fand die Stadt so gross wie London, die Holzbrücken so mächtig, wie die über die Themse; das Schloss wunderbar gross und stark, mit tiefen Gräben und gewaltigen Zugbrücken, die Thore mit Eisen beschlagen. Das Schloss aus schierem Stein gebaut, mit Schiessscharten und Aufgängen, um Steine auf die Belagerer herabzuschleudern. Die Mauern 6–7 Yards dick, solid, ohne Füllung und dabei haushoch; die Steine riesig, genau geschnitten, ohne Mörtel aufeinander gefügt.