Wir nahmen die Begleitung mit Vergnügen an und der glückliche Vater führte mit der rechten Hand den Sohn, mit der linken die Tochter. Kurz ehe der Zug sich in Bewegung setzte, flüsterte die Tochter wiederum, und der Vater sagte mir: „Da Sie nun abfahren, möchte meine Tochter Ihnen mittheilen, dass sie auch schon ziemlich gut schreiben kann. Vorher wollte sie es nicht sagen, da sie sich zu sehr schämte.“
Das Verhältniss von Kind zu Eltern ist in Japan vorzüglich; Vergehen gegen die Eltern kommen gar nicht vor.
Am folgenden Tage (den 8. October) fuhr ich auf der Tokaido-Eisenbahn die 17 englischen Meilen (= 32 km) von Osaka nach Kobe,[232] an der Bucht von Osaka. Diese Stadt zählt 135000 Einwohner, besitzt einen vorzüglichen, sicheren und tiefen Hafen, und, da sie seit 1868 dem auswärtigen Handel geöffnet ist, eine Fremden-Siedelung, längs der gepflasterten und mit granitner Umwallung gegen die Meereswogen geschützten Hafenstrasse, die hier, wie in ganz Ostasien, Bund[233] genannt wird. Südwestlich von Kobe, nur durch den Fluss Minatogawa von ihr geschieden, liegt die rein japanische Stadt Hiogo.[232]
Kobe’s Handel bleibt zwar hinter dem von Yokohama zurück, übertrifft aber den von Nagasaki um das fünffache. Kobe besorgt den grössten Theil der Ausfuhr von Kupfer, Sumach, Kampfer; in dem von Thee steht es Yokohama nach. 1889 betrug Kobe’s Einfuhr 25, die Ausfuhr 20 Millionen Yen.
Vom Ausland liefen 1888 in Kobe ein:
| 134 | fremde | Dampfer | mit | 220000 | Tonnen | Gehalt | , |
| 9 | japanische | „ | „ | 6400 | „ | „ | , |
und liefen aus nach dem Ausland:
| 159 | fremde | Dampfer | mit | 260000 | Tonnen | Gehalt | , |
| 2 | japanische | „ | „ | 1341 | „ | „ | . |
Natürlich, je bequemer für den Reisenden in dem europäischen Viertel Alles eingerichtet ist, desto weniger japanische Dinge bekommt er da zu sehen. Oriental Hotel (Nummer 80 ist die Bezeichnung, unter welcher die Wagenmänner es kennen,) entspricht allen vernünftigen Anforderungen. Dicht dabei ist die Agentur unseres norddeutschen Lloyd, die mir erstlich einige Kisten nach Europa befördert, zweitens eine Fahrkarte ausstellt für ihren Dampfer Nürnberg, der am 9. October von Kobe nach Hongkong fährt, zum Anschluss an unsere ostasiatische Reichsdampferlinie.
Der 9. October wird benutzt zu einem Ausflug nach dem Privatkrankenhaus zu Suma bei Kobe. Den Eisenbahnzug, der 20 Minuten zu der Fahrt braucht, hatte ich versäumt. Die Jinrikisha, mit zwei Männern, brachte mich binnen 40 Minuten an’s Ziel. Die Anstalt ist sehr zweckmässig gelegen und eingerichtet, die beiden japanischen Aerzte sprechen auch englisch und deutsch. Nachdem ich Frau und Tochter des älteren Arztes begrüsst, folgte eine Wagenfahrt längs der fichtenbekränzten, seit mehr als 1000 Jahren von den japanischen Dichtern gepriesenen Meeresküste bis zu dem Denkmal des Helden Atsumori; und dann in dem von einem Franzosen gehaltenen Beach-Hotel ein Frühstück, wie ich es in Japan noch nicht gehabt, bis zum Champagner und Chartreuse.