Unterhalb des Hügels liegt ein Teich, von dem die folgende Sage erzählt wird. Die schönste Jungfrau am Hof des Mikado wies alle Bewerber zurück, da sie in den Mikado selber verliebt war. Dieser schien aus Mitleid ihre Neigung zu erwiedern; als sie erkannte, dass er sie nicht liebe, stahl sie sich Nachts fort aus dem Schloss und fand den Tod im Wellengrab. Jetzt werden hier Karpfen gehalten, die mit grosser Gier über das Futter herfallen, das man ihnen zuwirft. Es ist dies ein leichtes hohles Backwerk, wie Cocons, nur ein wenig grösser, an einem Faden. Natürlich belustigen sich die kleinen und grossen Japaner, wenn die Fische nach dem Bissen schnappen und sich gegenseitig fortdrängen, bis — ihr Mitesser erscheint, eine Schildkröte, die stets in demselben Teich gehalten wird und, sowie es ihr gut scheint, den Rest des Futters vertilgt.[229]

Als wir, noch ein Stündchen vor Abgang des Zuges, durch die Stadt nach dem Bahnhof zuschreiten, wird mir das Haus unsres Führers gezeigt. Der bescheidene Mann war hocherfreut, da ich den Wunsch äusserte, unter seinem Dach zu ruhen und seiner Frau und den Kindern guten Tag zu sagen.

In dem Empfang- oder Wartezimmer befand sich seltsamer Weise ein altmodisches Sopha vor einem grossen runden Tisch, die Wand war geschmückt mit einem Holzschnitt des — Hippocrates, den der Besitzer des Hauses gewiss ebenso ehrte, wie den zu Nara so heilig gehaltenen Yakushi. Es erschien die Gattin, der neunjährige Sohn, die sechsjährige Tochter, der Hauslehrer. Bier wurde aufgetragen. Ich leerte ein Glas auf das Wohl der Hausfrau. Etwas schüchtern, aber doch gefällig, that sie mir Bescheid, nachdem sie Unterweisung empfangen. Sie verstand, wie auch ihr Gatte, keine europäische Sprache; hatte aber ein freundliches und dabei würdevolles Benehmen. Ich gewann nicht den Eindruck, dass die Frauen gebildeter Japaner wie Sklavinnen gehalten werden. Uebrigens schwärzen sie auch nicht die Zähne, wie noch manche Frauen auf dem Lande, nach der Verheiratung, es machen.

Der Sohn war höchst unterhaltend, stolz auf seine Stellung als zukünftiges Haupt der Familie, stolz auf seine Kenntnisse. Er hatte die Kunst des Lesens und Schreibens der chinesisch-japanischen Zeichen schon tüchtig begonnen und malte mir höchst zierlich und geschickt seinen Namen mit dem Pinsel auf einen Papierstreifen. Es ist das nicht so leicht.

Die jetzige Umgangs- und Schriftsprache der Japaner ist eine Mosaik aus Worten ihrer einheimischen Sprache (Yamato) und der chinesischen,[230] der sie die Schriftzeichen verdanken. Der Gebildete hat mehr Fremdworte. Das chinesiche Zeichen hat in Japan eine veränderte, mehr wohlklingende Aussprache erhalten (Kan-on oder Jion); es kann aber auch japanisch gelesen werden (Yomi). Im 8. Jahrhundert n. Chr. kam das Kata-kana[231] auf, eine japanische Silbenschrift, welche 47 chinesische Ideogramme vereinfachte und als Zeichen für ebensoviele Silben der japanischen Sprache benutzte. Die chinesischen Zeichen werden für Hauptworte und Zeitworte benutzt, Kata-kana für Partikeln und Endungen. Kata-kana dient auch dazu, chinesische Wurzelwörter zu umschreiben. Diese Uebung fand ich in der japanischen Volksschule zu Tokyo.

Hiragana (von hira, flach) ist eine andere Silbenschrift, aus dem 8. Jahrhundert, welche chinesische Zeichen in abgerundeter Form wiedergiebt, — wie die alten Aegypter neben der hieroglyphischen eine hieratische Schrift besassen. Der Gebildete schreibt in chinesischen Zeichen, das Volk in Hiragana. Wenige Bücher sind in Hiragana geschrieben, keines in Kata-kana allein.

Sieben Jahre braucht der junge Japaner, um die chinesischen Zeichen zu bemeistern. Die Schrift ist schwierig, aber dafür sehr schön. So zusammengesetzt die Zeichen uns erscheinen, der geübte Japaner schreibt schneller nach Dictat, als der Europäer, — natürlich wenn letzterer nicht Kurzschrift anwendet. Das Bestreben des Vereins Romaje Kai, die japanische Sprache lautmässig mit lateinischen Buchstaben zu schreiben, hat bisher noch keine wesentlichen Erfolge aufzuweisen.

Als ich nun das Mädchen durch einen dolmetschenden Arzt fragte, ob sie auch ihren Namen zeichnen könnte, lehnte sie verschämt das Köpfchen auf die linke Schulter und schwieg. Aber, wie wir aufbrachen, flüsterte sie ihrem Vater etwas in’s Ohr und lachend fragte er mich, ob ich etwas dagegen hätte, wenn seine Tochter und sein Sohn uns zur Bahn begleiteten.