Schliesslich kommen wir auch zu einem Buddha-Tempel Nigwatsu-do, welcher, der Göttin der Gnade geweiht, im Jahre 752 n. Chr. gegründet und vor 200 Jahren in seiner gegenwärtigen Gestalt höchst eigenartig gebaut und auf dem Gipfel eines Hügels gegen eine Felswand gelehnt ist. Von den meisten Buddha-Tempeln unterscheidet er sich dadurch, dass er sehr beliebt und belebt ist. Hier sieht man fröhliche Familienbilder. Es erscheint der Mann mit seiner Frau, beide führen in der Mitte an der Hand den Stolz der Familie, das erstgeborene Söhnchen, das (weit besser, als die Eltern und die übrigen Geschwister,) in ein rothes, blumiges Gewand gekleidet ist und voll Vergnügen die neuen Holzschuhe klappern lässt, trotz seiner fünf Jahre schon ein genügendes Bewusstsein von seiner bevorzugten Stellung besitzt und dieselbe mit mässiger Unart, aber starker Begehrlichkeit nach Spielzeug und Süssigkeiten ausnützt. Mir machte es grosses Vergnügen, mich am Einkauf zu betheiligen, zumal Bekannte meiner Begleiter auf diesem Jahrmarkt mit ihren Kindern erschienen.

Der von Bronzelaternen über und über behängte Tempel ist wie ein Bienenkorb. Die Leutchen kommen und gehen. Sie eilen die Treppenstufen empor, zum oberen Stock, von wo man eine schöne Aussicht geniesst. Sie leihen für eine kleine Münze hundert Bambus-Stäbchen; rennen, wie unsinnig, hundert Mal um den Tempel herum, und werfen nach jedem Umlauf eines der Stäbchen in den dafür bereit stehenden Kasten: eine Lauf-Procession, die sie für ebenso verdienstlich halten, als einige Europäer ihre Spring-Wallfahrt. Am 3. Februar jedes Jahres wird hier auch ein Fackel-Umgang gehalten. In einem Winkel sitzt würdevoll ein Wahrsager, der für 1 Sen (= 3 Pfennige) einer alten, gespannt zuhörenden Bäuerin die Zukunft verkündigt.

Für das Mittagsessen wählten meine Begleiter eine offene Halle auf einem Hügel, mit Ausblick auf den nahen Garten und die ferneren Thäler und Berge.

Nachmittags sahen wir den Tempelbezirk von Todaiji, zuerst die grosse Glocke, die 732 n. Chr. gegossen, 13½ Fuss hoch, 9 Fuss weit ist, 36 Tonnen Kupfer und 1 Tonne Zinn enthält; und dann den ungeheuren (750 n. Chr. begründeten, vor 200 Jahren neugebauten) Tempel von 290 Fuss Länge, 170 Fuss Breite, 156 Fuss Höhe, welcher den Daibutsu unter seinem Dache birgt. Die bronzene Bildsäule ist 53 Fuss hoch, also 7 Fuss höher als die zu Kamakura. Das ursprüngliche Bild ist aus dem 8., das jetzige aus dem 13.; der Kopf, der durch eine Feuersbrunst abgeschmolzen war, aus dem 16. Jahrhundert.

Die Gottheit sitzt auf einer Lotusblume, der schwarze Kopf ist hässlich, der Heiligenschein dahinter enthält Bilder der Jünger. Eigentlich ist es Birushana, die buddhistische Verkörperung des Lichtes, die man mit der Shinto-Göttin Amaterasu zusammenfliessen lässt.

Der Ort hat seine Heiligkeit verloren. Der Fremdling, welcher das Eintrittsgeld bezahlt hat, tritt ungehindert auf das Gerüst, um die Bildsäule aus der Nähe zu betrachten; und steigt herab zu der Ausstellung von Alterthümern, die in einem Nebenraume des Tempels aufgestellt sind. Da sieht man alte Holzbildsäulen, Gewebe, Schwerter, Musikinstrumente, Masken, die in Tänzen gebraucht werden, u. dgl. m. Vor dem Tempel steht eine achteckige Bronzelaterne, die einem chinesischen Künstler aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. zugeschrieben wird, und am Ausgang des langen Baumwegs ein grosses Thor (Ni-ō-mon) mit zwei riesigen, grellbemalten, holzgeschnitzten Thorwächtern (Ni-o), die in der Geschichte der japanischen Holzbildhauerei eine gewisse Rolle spielen.

Den Schluss der Betrachtung macht Kobukuji, einst ein grosser Tempel, 707 n. Chr. begründet, aber 1717 niedergebrannt. Jetzt ist nur noch eine Pagode übrig von dem alten Glanz und ein riesiger Fichtenbaum, den angeblich Kobo Daishi gepflanzt, als ein stetes Opfer für den Gott der Gesundheit Jakushi, an Stelle der täglichen Blumenspenden.

Recht hässlich sticht das zweistöckige, in europäischem Styl gebaute Regierungsgebäude von den Ueberresten des heimischen Alterthums ab.

Noch war die Sonne weit vom Untergang. Wir bestiegen einen kleinen Hügel, der eine treffliche Aussicht über die nahe Stadt Nara liefert. Fröhliches Volk hatte dort sich gelagert, Männer und Frauen, die munter schwatzten und der Theekanne wie dem Tabakspfeifchen zusprachen. Wir selber gingen in das Haus eines begüterten Japaners, der uns höflich seine Vorhalle zur Aussicht anbot.