Das heilige Albino-Ross, welches an Festtagen den Wagen der Gottheit zieht, wird in einem ganz engen Stall gehalten und steckt bettelnd den Kopf aus dem Fensterloch, da es, wie die Buddhapriester, nur von milden Gaben lebt. Der Pilger, wie der Reisende, kauft von dem Pfleger für kleine Münze einen Becher voll Erbsen und Bohnen und füttert das leider unschöne, triefäugige Thier. Ebenso eingesperrt und auf die öffentliche Mildthätigkeit angewiesen ist ein fremder Hirsch, der von den Bergen nach dem Park von Nara sich verirrt hatte, und, zwar vor der Wuth seiner feindlichen Brüder gerettet, aber der Hörner und der Freiheit beraubt, ein Leben führt, das gewiss weit schlimmer ist, als der Tod.

Nicht minder gierig, als diese Thiere, warten bei den niedrigen Hallen des Tempels Wakamiya die Priester auf jeden Fremdling oder auch begüterten Japaner, um ihm, gegen Zahlung von ½ bis 10 Yen, den alten heiligen Tanz (Kagura) vorführen zu lassen, und zwar durch seltsam gekleidete Mädchen, welche Fächer und Schellenbündel in den Händen tragen.

Angenehmere Empfindungen weckt der gleichfalls roth und weisse Shinto-Tempel Tamuke-yama no Hachiman. Denn auf ihn bezieht sich ein altes Gedicht (von Sugawara-no-michizane), welches jeder Japaner, wie es heisst, auswendig weiss; meine Begleiter jedenfalls ohne Ausnahme. Die Worte lauten ungefähr folgendermassen:

„Leer ist die Hand, doch voll mein Herz,

Ich nah’ den Göttern sonder Schmerz.

Statt rothen Goldes bring’ ich heut

Des Ahorns Roth zur Herbsteszeit.“

In der That sehen wir an den zahlreichen Ahornbäumen auf dem Tempelgrunde die liebliche Röthung der Blätter, die den sentimentalen Europäer ebenso erfreut, wie den blumenliebenden Japaner.

Hachiman ist der chinesische Name für den Gott des Krieges, japanisch Yawata; es ist eigentlich der göttlich verehrte Mikado Ojin, der um 200 n. Chr. gelebt haben soll.

An den Wänden des Tempels ist auch ein kriegerisches Frescobild in kindlichem Styl, der Krieger Tsuna am Thor von Kyoto, wie er das Ungeheuer Shuten Doji bekämpft und ihm den rechten Arm abhaut.