Nahamye Syisakka, Arzt in Osaka.“
Ein zweites Gedicht, dessen Schönheit vom Uebersetzer besonders hoch gepriesen wird, verfasst von Jeizo Jshii, Vorsitzendem des medizinischen Vereins zu Nagoya, lautet folgendermaassen: „Ein Wort zum Empfang. Der Westwind säuselt und die Herbstblumen sind voll entfaltet, die Felder in einen bunten Teppich umgewandelt. In diesen schönen Tagen des prachtvollen Anblicks ist Professor Hirschberg nach Japan gekommen.
Ein Weiser der alten Zeit hat gesagt: „„Die blaue Farbe wird aus Indigo gewonnen, und ist doch blauer als Indigo; das Eis wird aus Wasser gebildet und ist doch kälter, als Wasser.““ Wenn später in Japan berühmtere Aerzte entstehen sollten, zur Zierde für unser Vaterland, wie die Herbstblumen für die Felder, die uns jetzt den prachtvollen Anblick bieten; so wäre das nur ein Geschenk Deutschlands und solche Ehre für unser Vaterland wäre gleichzeitig Ehre für Deutschland.“ — — — — —
Am folgenden Tag machte ich einen Ausflug nach Nara, der mir heute noch, in der Erinnerung, wie ein liebliches Idyll vorkommt. Nara war in der kurzen Zeit von 709 bis 784 n. Chr. Herrschersitz des Mikado; jedenfalls ist die Stadt weit älter, als Osaka und war früher sehr bevölkert; jetzt hat sie nur noch den zehnten Theil der früheren Bevölkerung, nämlich 20000 Einwohner, und liegt reizend am Fusse der Berge, in der Provinz Yamato, 25 engl. Meilen östlich von Osaka, durch Eisenbahn mit der Grossstadt verbunden. Die Erzeugnisse seines Gewerbefleisses sind chinesische Tusche, Fächer, kleine Holzspielsachen. (Nara ningyō).
Dr. Ogata und zwei andre Aerzte begleiten mich. Eine Strecke der Eisenbahnfahrt ist sehr malerisch, durch schildkrötenähnliche Berge in engem Flussthal. Nach einstündiger Fahrt erreichen wir zunächst Horuji. Hier liegt das älteste Kloster von Japan, 607 n. Chr. vollendet und berühmt — durch seine Berühmtheiten. Ich muss gestehen, dass diese Kunstwerke des Museum entweder nicht so viel werth sind, als die Priester wähnen; oder wegen der gegenwärtigen Aufstellung keinen sonderlichen Eindruck machen.
Wir sahen eine achteckige Halle der Träume, der Göttin der Gnade gewidmet; verschiedene kleinere Tempel mit Bildern aus dem Leben des Gründers (Shotuku Taishi) und mit seiner Reiterbildsäule, im Pfefferkuchenstyl. Der Haupttempel (Kondo), der älteste Holzbau Japans, 1250 Jahre alt, enthält alte Bronze-Bildsäulen von Buddha, Amida u. A., und wirkliche Fresco-Gemälde an den Wänden, in alter Zeit (angeblich 607 n. Chr.,) von koreanischen Künstlern gemalt und nach dem Reisebuch Allem überlegen, was Japaner geschaffen. Es sind überlebensgrosse Heilige und Shaka, wie aus vorrafaelischer Zeit.
Die Geschichte der japanischen Malerei[228] ist für den Europäer kurz zu beschreiben. Die Malerei kam aus China über Korea mit den buddhistischen Priestern nach Japan. Die erste japanische Schule (Yamato Ryū) wurde um das Jahr 1000 n. Chr. gegründet. Vernachlässigung der Perspective und echter Humor herrschten damals, wie heute. Im 13. Jahrhundert hiess sie Tosa Ryu und wurde mehr und mehr „klassisch“. Im 15. Jahrhundert kam eine kräftige Renaissance unter chinesischem Einfluss. Der buddhistische Priester Cho Densu malte heilige Gegenstände, Josetsu Landschaften, Menschen, Vögel, Blumen. Ihnen folgten die klassischen Meister der Tosa-Schule Mitsunobu, Sesshu, Kano. Im 18. Jahrhundert kamen die realistischen Schulen: Hishigawa, der volksthümliche Bücher illustrirte, Okyo, der Vögel und Fische genau nach der Natur zeichnete, und Hokusai (1760–1849), der alle Motive japanischer Kunst ausführte, Scenen der Geschichte, des Drama, der Novellen, Erlebnisse des Tages, thierisches und pflanzliches Leben und sein geliebtes Yedo. Die Zeichnung der Japaner ist korrekt und hauptsächlich auf den Eindruck berechnet. „Ihre Kunst ist gross im Kleinen und klein im Grossen.“ Natürlich darf man solche Sätze nicht allzuwörtlich nehmen.
Ein achteckiges Gebäude ist dem Gott der Gesundheit, Yakushi, geweiht. Derselbe sieht für uns genau so aus, wie Shaka, hat aber ein Arzneifläschchen in der linken Hand. Die Innenwände dieses Tempels sind ganz und gar verdeckt von kleinen Schwertern und Spiegeln. Das sind Weihgeschenke; das Schwert heisst Geist des Mannes, der Spiegel Geist des Weibes. Andre Weihgeschenke sind: Bohrer, für Heilung der Taubheit; Bilder als Dank für Erlösung von Milchüberfluss; Bilder mit der Bitte, dass der unartige Sohn den Kopf sich rasiren lasse, u. dergl. m. Ein Tempel enthält Riesenbildsäulen von Shaka.
In Nara übernahmen die dortigen Aerzte sofort die Führung. Der Park, den wir durchschreiten, ist wie ein Märchenwald. Der Wind rauscht in den Wipfeln der prachtvollen Fichtenbäume. Rudelweise kommen die kleinen gefleckten Hirsche, die Männchen mit dem stattlichen Geweih, um aus unsrer Hand zu fressen. Sie blicken so klug und freundlich, dass man jeden Augenblick meint, sie müssten anfangen zu sprechen und uns zu erzählen von der Prinzessin, die hinten am Ende des schnurgraden, stundenlangen, mit zahllosen Steinlaternen besetzten Weges in einem verzauberten Schlosse wohnt.
Aber — der Traum ist aus, wir stehen vor dem Tempel-Haus. Dasselbe ist verschiedenen Shinto-Göttern und Helden geweiht und schon 767 n. Chr. gegründet. Gegen das dunklere Grün der herrlichen Cryptomerien heben sich die rothen Holzpfeiler kräftig ab. Schöne Bronzelaternen schmücken die Vorhalle. Zahllose Steinlaternen säumen die Wege ein. Aber sie sind leer, wie die Kassen der Priester. Früher, als die Jahresbeiträge reichlich flossen, soll die abendliche Beleuchtung des ganzen Tempelbezirks eine zauberhafte Wirkung hervorgebracht haben.