Nach dem Frühstück folgte die Besichtigung des Krankenhauses und der Medizin-Schule, darauf eine Jinrikishafahrt durch die Stadt, Besichtigung der Hauptstrassen, des Rathhauses, des Hafens, während man mir von den Tempeln abrieth, da sie unbedeutend seien.
Die Stadt Osaka liegt an den Ufern des Yodogawa, der von drei grossen Brücken überspannt wird, und ist von sehr zahlreichen Canälen durchschnitten, die wiederum Hunderte von kleinen Brücken nöthig machen. So ist das Wasser ein belebendes Element für die Stadt. Man nennt Osaka das japanische Venedig. Die nächtlichen Bootfeste im Sommer sind berühmt. Andrerseits soll die tiefe Lage der Stadt und die grosse Zahl der stockenden Wasseradern zur heissen Zeit Krankheit bedingen und verbreiten.
Hochberühmt ist die Hauptstrasse Shinsai-bashi, mit ihren schönen Läden und grossen Schildern, eine der prächtigsten in Japan. Der Binnenhandel (in Reis, Baumwolle, Seide) wird zu Osaka in grossem Stil betrieben. In der Entwicklung des Seidenbau’s liegt eine Hauptquelle des Reichthums für Japan, 1889 wurden für 30 Millionen Yen Seidenerzeugnisse ausgeführt. (26 Millionen Rohseide, 1½ Millionen Seidengewebe). Der Seidenbau ist im 7. Jahrhundert von China (Korea) aus nach Nippon eingeführt.
Das Festessen ist im Theehaus Urakukan, das zu der japanischen Abtheilung meines Hotels gehört. Also lasse ich meine Stiefeln im Schlafzimmer und gleite auf meinen gelben Pantöffelchen, im vollen Staat, durch ein Gewirr von Gängen in den Festsaal.
Fünfzig Aerzte waren zugegen, einige von fernen Orten herbeigeeilt. Schon sitze ich halbjapanisch, schlürfe Geflügelsuppe und esse Aalwurst mit Stäbchen. Aber nachher giebt es europäische Speisen und vorzügliches Bier. In Osaka ist die grosse Asaki-Brauerei, die von zwei deutschen Braumeistern eingerichtet worden. Der japanische Besitzer ist zur Stelle, er liefert uns nicht blos den Stoff, sondern, man staune, vierzig Seidelgläser mit zinnernen Klappdeckeln. Vielleicht sind, ausserhalb der deutschen Clubs, sonst in ganz Asien nicht so viel vorhanden, jedenfalls nicht an einem Orte. (Osaka besass 1886 nur 13 Bierlokale, hat es aber 1888 bereits auf 490 gebracht. Die Einfuhr deutschen Bieres nach Japan betrug 1888 an drei Millionen Flaschen im Werthe von 297000 Yen; scheint aber jetzt zurückzugehen, da mehr und mehr japanische Brauereien aufkommen.) Es wird viel gezecht, ein No-Drama aufgeführt, und ein Gedicht mir überreicht.
Um den chinesischen Stil des letzteren zu kennzeichnen, füge ich die Uebersetzung bei, in der Hoffnung, dass der geneigte Leser mir diese Mittheilung nicht — als Eitelkeit auslegen werde.
„Abschiedsgruss an Herrn Professor Hirschberg.
(Altchinesisch.)
Professor Hirschberg ist nach Japan gekommen und hat sich um die dortige medizinische Welt grosse Verdienste erworben. Seine Kenntnisse sind ohne Grenzen; sie gleichen an Glanz der Sonne und den Sternen, sein Fleiss ist unermüdlich, wie ein Strom, der unaufhörlich dahinfliesst. Wenn er die Kranken untersucht, so erkennt er genau den Ursprung der Krankheiten; wenn er Recepte verschreibt, dann sind dieselben nie falsch. In Behandlung der Augenkrankheiten ist er besonders hervorragend. Da er ein so vorzüglicher Gelehrter ist, verehrt ihn ein Jeder. Ein altes Sprichwort sagt: Wenn ein bedeutender Mann erscheint, bildet sich seine ganze Umgebung nach seiner Art. — Solch’ einem Manne gleicht Herr Professor Hirschberg. Im Namen der Wissenschaft spreche ich ihm den grössten Dank aus.
Periode Meije, 25. Jahr, am 6. October.