Er ging ins Esszimmer, wo ein Wandschrank in der Mauer angebracht war, in dem sich eine Reihe kleiner Tonnen dicht nebeneinander auf kleinen Blöcken von Sandelholz befanden, die alle mit kleinen silbernen Hähnchen am unteren Ende versehen waren.
Er nannte diese Sammlung von Likören seine Mundorgel.
Eine Röhre konnte alle Hähne vereinigen. Wenn das Instrument richtig gestellt war, brauchte er nur auf den Knopf, der in dem Holzwerk verborgen war, zu drücken, um alle Hähne auf einmal aufzudrehen, worauf sich die winzigen Becher, die unter ihnen standen, mit Likör füllten.
Diese Orgel, auf die bezeichneten Stimmen Flöte, Waldhorn, Vox Divina u. s. w. gestellt, war stets zu seiner Benutzung bereit. Herzog Jean trank von diesem und jenem Likör einige Tropfen, spielte sich innere Symphonieen vor, und es gelang ihm, seinem Gaumen ähnliche Genüsse zu verschaffen, wie solche die Musik dem Ohre bereitet. Ausserdem stimmte jeder Likör seiner Ansicht nach mit dem Ton eines Instrumentes überein.
Der trockene Curaçao zum Beispiel mit der Klarinette, deren Töne spitz und weich sind; der Kornbranntwein mit der Hoboe, deren Klang näselt; der Pfefferminz und Anisette mit der Flöte, süss und scharf, schrill und sanft zugleich; das Kirschwasser mit der Trompete; Gin und Whisky erschraken den Gaumen durch ihren schrillen Schall, wie Klapphorn und Posaune das Ohr heftig mitnehmen, während der Weinträberschnaps gleichsam den betäubenden Lärm der Tuba verursacht, und der russische Raky und der Mastic der Mundhaut die Schläge der Zimbel und der Pauke mitteilen.
Er meinte auch, dass diese Vergleiche sich auf Quartett-Saiteninstrumente übertragen lassen, indem unter dem Gaumengewölbe die Geige den alten Cognac vorstellt, berauschend und zart, scharf und spröde, während die Bratsche kräftiger, voller, dumpfer den Rum simuliert; der Magenbitter zerreissend, melancholisch und schmeichelnd wie ein Violoncell erklingt, die Bassgeige dagegen schwer, stark und düster wie ein scharfer alter Bitter wirkt. Man könnte selbst – ein Quintett bildend – die Harfe hinzufügen, die mit einer gleichen Wahrscheinlichkeit die mächtige Kraft und ihre silbernen Klänge, frei und zart wie der Kümmel wiedergäbe.
Diese Voraussetzungen einmal angenommen, war er so weit gekommen, infolge rastloser Versuche auf seiner Zunge stille Melodieen zu spielen, stumme Trauermärsche mit grossem Gepränge aufzuführen, Soli von Pfefferminz, Duette zwischen Bittern und Rum zu hören.
Es gelang ihm so, in seine Kinnbacken wirkliche Musikstücke den Wünschen des Komponisten gemäss zu übertragen, Takt für Takt seine Gedanken, seine Wirkungen, seine Nüancen wiedergebend und durch nahe Verbindungen oder Kontraste der Liköre, durch geschickte Mischungen Accorde erzeugend.
Früher komponierte er seine Melodieen selbst und führte seine Idyllen mit dem gutmütigen Johannisbeerlikör auf, der ihm den perlenden Gesang der Nachtigall in der Kehle trillern machte, oder er sang mit dem sanften Kakao-Chouva die süsslichen Schäferlieder, wie: die Romanzen von Estella und die „Ach! ich sage Ihnen, Mama“ aus der alten Zeit.
Aber heute Abend hatte der Herzog durchaus keine Lust, der Musik zu fröhnen; er begnügte sich damit, einen einzigen Ton auf der Klaviatur seiner Orgel anzuschlagen; er nahm seinen kleinen Becher, den er zuvor einfach mit echtem irländischen Whisky gefüllt hatte und machte es sich in seinem Sessel bequem, ganz langsam diesen aus Hafer und Gerste gegohrenen Saft schlürfend, der seinen Mund mit einem starken Kreosotgeruch erfüllte.