Nach und nach beim Trinken folgten seine Gedanken wieder dem belebten Eindruck seines Gaumens; er erweckte so durch eine fatale Ähnlichkeit von Gerüchen eine seit Jahren verwischte Erinnerung.

Dieser scharfe Karbolduft erinnerte ihn an den gleichen Geruch, der zu einer Zeit, da die Zahnärzte an seinem Zahnfleisch herumarbeiteten, seinen Mund erfüllt hatte.

Einmal auf diesen Weg gebracht, erging er sich zuerst in Träumereien über all die Praktikusse, die er kennen gelernt hatte, er sammelte sich und konzentrierte seine Erinnerung auf einen, dessen seltsame Erscheinung ihm besonders im Gedächtnis verblieben.

Es war vor drei Jahren, als er mitten in der Nacht von einem rasenden Zahnschmerz befallen wurde; er wickelte sich den Kopf ein, stiess in Verzweiflung gegen alle Möbel und rannte wie ein Wahnsinniger im Zimmer umher.

Es war ein schon plombierter Backenzahn und keine Heilung möglich; die Zange des Zahnarztes allein konnte dem Übel abhelfen.

Fieberhaft erwartete er den Tag, entschlossen, die schrecklichsten Operationen zu erdulden, wenn sie nur seinem Leiden ein Ende machen würden.

Sich fortwährend den Mund zuhaltend, fragte er sich, was er thun solle. Die Zahnärzte, die ihn gewöhnlich behandelten, waren reiche Leute, die man nicht so nach seinem Gefallen sprechen konnte; da mussten erst mit ihnen die Besuche und die Stunden der Konsultationen ordentlich verabredet werden. Das war jedoch unmöglich. „Ich kann es nicht länger hinausschieben,“ sagte er sich; und er entschloss sich, zu dem ersten besten zu gehen, zu einem Zahnausreisser gewöhnlichen Schlages, einem jener Leute mit eiserner Faust, welche mit einer Geschwindigkeit ohnegleichen die hartnäckigsten Zahnstümpfe zu entfernen wissen. Diese sind vom frühen Morgen an zu sprechen und bei ihnen braucht man nicht zu warten.

Endlich schlug es sieben Uhr. Er lief aus dem Hause, sich des Namens eines bekannten Technikers erinnernd, der sich „Volkszahnarzt“ nannte und an der Ecke eines Quais wohnte. Er durchrannte die Strassen und biss verzweiflungsvoll in sein Taschentuch, um die Thränen zurückzuhalten.

Er war eben vor dem Hause angelangt, das man schon von weitem an dem grossen schwarzen Holzschilde erkennen konnte, auf dem mit enorm grossen Buchstaben der Name „Gatonax“ gemalt war; in zwei kleinen Glaskästen sah man Zähne in Zahnfleisch aus rosa Wachs sorgfältig aufgereiht und durch eine mechanische Feder aus Draht miteinander verbunden. Er keuchte, der Schweiss trat ihm auf die Stirn und eine wahnsinnige Angst befiel ihn, ein Schauer durchrieselte seine Haut, worauf sich urplötzlich eine Linderung fühlbar machte: er litt nicht mehr, der Zahn that nicht mehr weh.

Wie verdummt blieb er auf dem Trottoir stehen; schliesslich aber stemmte er sich gegen die Angst und kletterte eine dunkle Treppe bis zum dritten Stock hinauf. Da stand er vor einer Thür; ein Porzellanschild mit himmelblauen Buchstaben: es war derselbe Name wie unten an der Thür.