„Wir werden uns wohl nicht wieder sehen; geh schnell heim zu Deinem Vater, dessen Hand ihm unthätig juckt und behalte das gewissermassen schöne evangelische Wort: ‚Thue den andern das, was Du nicht willst, das sie Dir thun‘ wohl im Gedächtnis. Mit dieser Lebensregel wirst Du weit kommen. – Gute Nacht! Vor allen Dingen sei nicht undankbar, lass so bald wie möglich von Dir hören, das heisst auf dem Wege der hochlöblichen Gerichtszeitung.“ – – – –

„Der kleine Judas!“ murmelte Herzog Jean vor sich, das Feuer schürend; – „sich sagen zu müssen, dass ich seinen Namen noch niemals unter Vermischtes gelesen habe! – Es sei denn, dass er schon mit dem Gericht zu thun gehabt hätte, seit ich in Fontenay bin, wo ich keine Zeitungen mehr lese.“

Er stand auf und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab.

„Es wäre trotz alledem schade,“ sagte er sich, „denn indem ich so handelte, machte ich das weltliche Gleichnis wahr, die Allegorie der allgemeinen Lehre, die nach nichts Geringerem strebt, als alle Menschen in einen ‚Langlois‘ zu verwandeln, und sich den Kopf zerbricht, statt endlich den Elenden aus Mitleid die Augen auszustechen, um sie ihnen ganz und mit Gewalt zu öffnen, damit sie um sich herum nur unverdiente und mildere Schicksale sehen, verfeinerte und schärfere Genüsse wittern, die ihnen darum um so ersehnter und begehrenswerter erscheinen. –“

„Und die Thatsache ist,“ fuhr der Herzog in seiner Schlussfolgerung fort, „die Thatsache ist die, dass der Schmerz eine Wirkung der Erziehung ist, dass er sich erweitert und schärft, je nachdem die Ideen entstehen: je mehr man sich also befleissigt, den Verstand und das Nervensystem der armen Teufel zu verfeinern, desto mehr wird man die gewaltig lebenskräftigen Keime des moralischen Leidens und Hasses in ihnen anfachen und entwickeln.“ – –

Die Lampen kohlten. Er zog sie auf und sah nach der Uhr: drei Uhr Morgens. – Er zündete sich eine Cigarette an und vertiefte sich von neuem in die durch seine Träumereien unterbrochene Lektüre des lateinischen Gedichts „De laude castitatis“, das unter der Regierung des Gondebald von Avitus, des Erzbischofes von Wien, geschrieben worden ist.

SIEBENTES KAPITEL.

Seit jener Nacht, in der er ohne augenscheinliche Ursache die melancholische Erinnerung an Auguste Langlois wachgerufen, lebte sein ganzes früheres Leben wieder in ihm auf.

Er war unfähig, ein Wort der Bücher zu verstehen, die er zu Rate zog; selbst seine Augen lasen nicht mehr; es war ihm, als wenn sein Geist, von Litteratur und Kunst übersättigt, sich weigerte, mehr in sich aufzunehmen.

Er lebte nur noch in sich selbst, nährte sich von seinem eigenen Mark, gleich Tieren während des Winterschlafes; denn die Einsamkeit hatte wie ein Schlaftrunk auf sein Gehirn gewirkt. Nachdem diese ihn anfangs entkräftet und hingehalten hatte, brachte sie schliesslich eine Empfindungslosigkeit mit unbestimmten Träumereien in ihm hervor; sie vernichtete seine Absichten, brach seinen Willen, führte ihm eine Reihe von Träumen vor, die er passiv ertrug, ohne auch nur zu versuchen, sich ihnen zu entziehen.