„Mir scheint,“ murmelte er verdriesslich, „dass ich noch mehr getroffen bin, als ich glaubte, da ich mich selbst mit Worten, wie ein Kasuist, bekämpfe.“

Er verblieb nachdenklich, von einer unbestimmten Furcht bewegt.

„Ach! ich werde stumpfsinnig,“ sagte sich der herzogliche Einsiedler; „die Furcht vor dieser Krankheit wird, wenn das so weitergeht, schliesslich die Krankheit selbst herbeiführen.“

Es gelang ihm, diesen Einfluss etwas abzuschütteln; seine Erinnerungen liessen nach, aber andere krankhafte Symptome machten sich bemerkbar; jetzt waren es die Gegenstände der Streitigkeiten allein, die ihn heimsuchten. Der Park, die Lehrer, die Jesuiten waren entschwunden. Er war gänzlich vom Abstrakten beherrscht; gegen seinen Willen dachte er an die widersprechenden Auslegungen der Glaubenssätze, an die verloren gegangenen Lossagungen von den Klostergelübden, die Pater Labbe in dem Werk über die Konzilien erwähnt. Brocken von diesen Kirchenspaltungen, Überbleibsel dieser Ketzereien, die während mehrerer Jahrhunderte die Kirchen des Westens und des Ostens trennten, fielen ihm wieder ein. Hier war es Nestorius, der der Jungfrau Maria den Titel Muttergottes streitig machte, weil im Mysterium der Inkarnation nicht Gott, sondern nur die menschliche Kreatur vorhanden war, die sie in ihrem Leibe getragen habe; da war es Eutyches, der da erklärte, dass das Bildnis Christi nicht demjenigen der andern Menschen gleichen könnte, da die Gottheit, in seinem Körper domizilierend, die Form ganz und gar verändert habe; dann waren es wieder andere Zänker, welche behaupteten, dass der Erlöser gar keinen Körper gehabt, dass dieser Ausdruck der heiligen Schrift nur bildlich zu nehmen sei; während Tertullian sich in seinem berühmten, beinahe materialistischen Axiom äussert: „Nichts, das ist, ist unverkörpert; alles was ist, hat einen Körper, der ihm eigen;“ und schliesslich diese alte, während langer Jahre erörterte Frage: „Ist Christus allein ans Kreuz geschlagen, oder hat die Dreieinigkeit, eins in drei Personen, in ihrer dreifachen Persönlichkeit am Kreuze Golgathas gelitten?“

Alles das trieb ihn an, drängte ihn – und mechanisch wie eine einmal gelernte Aufgabe stellte er sich selber Fragen und suchte sich dieselben zu beantworten. –

Während einiger Tage war es in seinem Gehirn wie ein Wimmeln von Paradoxen, wie ein Flug von Haarspaltereien. Dann verwischte sich aber die abstrakte Seite und eine ganz plastische folgte ihr unter der Wirkung der Gustav Moreauschen Bilder, die an den Wänden aufgehängt waren.

Er sah eine ganze Prozession von Prälaten an sich vorüber ziehen: Archimandriten, Patriarchen, die ihre goldbekleideten Arme emporheben, um die knieende Menge zu segnen, und ihre weissen Bärte beim Lesen und Gebeteleiern schütteln; er sah ganze Züge schweigender Büsser in die dunklen Totengrüfte hinabsteigen, dann wieder sich unermessliche Dome erheben, in denen weiss gekleidete Mönche von der Kanzel herunter donnerten.

Nach und nach verschwanden schliesslich diese Gesichte. Er sah von der Höhe seines Geistes herab das Panorama der Kirche wie ihren erblichen Einfluss auf die Menschheit seit Jahrhunderten; er stellte sie sich verzweifelnd und grossartig vor, dem Menschen das Schreckliche des Lebens und die Unfreundlichkeit des Schicksals darthuend, Geduld, Reue und Aufopferung predigend, versuchend die Schmerzen zu heilen durch den Hinweis auf die blutenden Wunden Christi, göttliche Vorrechte versichernd, den Betrübten den besten Teil des Paradieses versprechend, die menschliche Kreatur zum Leiden ermahnend, damit der Mensch Gott seine Trübsale und Sünden, seine Missgeschicke und seine Sorgen als Sühnopfer darbringe.

Hier fasste Herzog Jean wieder Fuss. Gewiss war er durch dieses Geständnis der sozialen Schändlichkeit befriedigt, wieder aber empörte ihn das unbestimmte Heilmittel der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Schopenhauer war ehrlicher, seine Doktrinen und die der Kirche gingen von einem gemeinschaftlichen Standpunkt aus; er stützte sich ebenfalls auf die Ungerechtigkeit und Schändlichkeit der Welt, er stiess auch mit seiner „Nachfolge Jesu Christi“ den schmerzlichen Ruf aus: „Es ist wirklich ein Elend, auf der Welt zu sein!“ Er predigte auch die Erbärmlichkeit der Existenz, die Vorteile der Zurückgezogenheit, warnte die Menschheit, dass, was sie auch thun möge und nach welcher Seite sie sich auch drehe, sie immer nur unglücklich bleibe: arm wegen der Leiden, die aus den Entbehrungen hervorgehen, reich im Verhältnis zu der unbesiegbaren Langenweile, welche der Überfluss erzeugt; aber er pries kein Universalmittel an, vertröstete mit keinem Köder, um dem unvermeidlichen Übel abzuhelfen.