Er unterstützt nicht das empörende System der Erbsünde; versucht nicht zu beweisen, dass derjenige ein allgütiger Gott sei, der die Spitzbuben beschützt, der den Dummköpfen hilft, die Kindheit vernichtet, das Alter verdummt und die Unschuldigen bestraft; er rühmt nicht die Wohlthaten einer Vorsehung, die diese nutzlose, unverständliche, ungerechte und alberne Abscheulichkeit, das physische Leiden, erfunden hat; er versucht keineswegs zu rechtfertigen, wie die Kirche die Notwendigkeit der Qualen und Prüfungen. Ruft er doch in seiner empörten Barmherzigkeit aus: „Wenn ein Gott diese Welt gemacht hat, so möchte ich nicht dieser Gott sein; das menschliche Elend würde mir das Herz brechen!“
Ach! er allein hatte das Richtige getroffen! Was waren alle die evangelischen Quacksalber neben seinen Abhandlungen von geistiger Gesundheitspflege? Er beabsichtigte nichts zu heilen, bot dem Kranken keine Entschädigung, keine Hoffnung an; aber seine Theorie des Pessimismus war im Grunde genommen die grosse Trösterin der auserwählten Geister, aller erhabenen Seelen. Sie offenbarte die Gesellschaft so wie sie ist und hob die angeborene Dummheit der Frauen hervor.
Diese Betrachtungen erleichterten den Herzog von einer schweren Last. Dieser grosse Deutsche bannte seinen Gedankenschauer und brachte ihn durch die Berührungspunkte seiner beiden Doktrinen dahin, dass er diesen ebenso poetischen wie rührenden Katholizismus, in dem er erzogen war und von dem er in seiner Jugend die Essenz in allen Poren eingesogen hatte, nicht zu vergessen vermochte.
Diese Rückgänge zur Gläubigkeit quälten ihn, besonders seit sich Verschlimmerungen seiner Gesundheit zeigten; sie trafen mit den neu hinzugetretenen nervösen Störungen zusammen.
Seit seiner jüngsten Kindheit war er von unerklärlichen Abneigungen gemartert worden, von Schauern, welche ihm den Rücken kalt hinunterliefen, ihm die Zähne zusammenpressten, wenn er zum Beispiel nasse Wäsche sah, die von einem Mädchen ausgewrungen wurde. Diese Wirkungen waren verblieben; noch heute litt er ganz besonders, wenn er einen Stoff zerreissen oder mit dem Finger auf Kreide reiben hörte, oder wenn er moirierte Seide anfasste.
Die Ausschweifungen seines Junggesellenlebens, die übertriebenen Anstrengungen seines Gehirns hatten sein ursprüngliches Nervenleiden ausserordentlich verschlimmert und das schon von seinen Vorfahren arg verbrauchte gesunde Blut nur noch verringert. In Paris hatte er bereits Kuren der Kaltwasserheilkunst durchmachen müssen, vornehmlich gegen das Zittern der Hände und gegen die entsetzlichen Schmerzen der Neuralgie, die ihm das Gesicht zerrissen, die Schläfen wie mit Hammerschlägen bearbeiteten, ihm die Augenlider wie mit Nadeln zerstachen und ihm Übelkeit erzeugten, die er nicht anders zu bekämpfen vermochte, als dadurch, dass er sich im Dunkeln auf den Rücken legte.
Diese Zufälle waren infolge seines geregelteren, ruhigeren Lebens langsam verschwunden. Jetzt machten sie sich aber von neuem in anderer Form geltend, indem sie den ganzen Körper durchliefen; die Schmerzen gingen vom Schädel zum Leib, ihm denselben gleichsam mit einem glühenden Eisen durchbohrend. Dann folgte ein nervös trockner Husten, der zu einer bestimmten Stunde anfing, eine immer gleiche Anzahl von Minuten währte, ihn aufweckte und ihn im Bett fast erstickte. Sein Appetit hörte ebenfalls auf. Nach jedem Versuch zum Essen konnte er kein zugeknöpftes Beinkleid, keine fest zugemachte Weste mehr ertragen.
Er enthielt sich aller geistigen Getränke, des Kaffees und Thees, trank nur noch Milch, nahm seine Zuflucht wieder zu den kalten Abwaschungen, stopfte sich voll Assa foetida, Baldrian und Chinin, wollte selbst das Haus verlassen, um ein wenig im Freien zu spazieren, als eben die Regentage eintraten, die das Land schweigend und eintönig machten. Als letztes Mittel verzichtete er vorläufig auf jede Lektüre und, von Langeweile verzehrt, entschloss er sich, um sein müssiges Dasein zu ändern, ein Projekt auszuführen, welches er aus Bequemlichkeit und Hass gegen jede Störung fortwährend aufgeschoben, seitdem er sich in Fontenay niedergelassen hatte.
Da er sich nicht mehr an den bezaubernden Wirkungen des Stils zu berauschen vermochte, sich nicht mehr an den entzückenden Überraschungen des schönen Pathos aufregen konnte, beschloss er die Ausstattung seiner Wohnung zu vollenden, sich seltene Treibhausblumen anzuschaffen, um sich auf diese Weise eine materielle Beschäftigung zuzugestehen, die ihn zerstreuen, seine Nerven erholen, sein Gehirn ausruhen lassen würde. Er hoffte, dass der Anblick ihrer seltsamen und prachtvollen Schattierungen ihn etwas entschädigen würde für die wahrhaft wunderlichen Farben des Stils, welchen seine litterarische Diät ihn momentan vergessen oder verlieren liess.