Er konnte seine Augen nicht abwenden von dieser unglaublichen aus Indien kommenden Orchidee. Die Gärtner, durch die Zögerung gelangweilt, fingen jetzt selbst an, mit lauter Stimme die an den Töpfen steckenden Zettel vorzulesen.
Herzog Jean setzte seine Betrachtungen fort; er hörte nahezu bestürzt die rauhen Namen der grünen Pflanzen ankündigen: Encephalartos Horridus, eine riesenhaft eiserne Artischocke, rostfarbig gezeichnet, so, wie man sie auf die Thüren der Schlossmauern steckt, um das Übersteigen zu verhindern; Cocos Micania, eine Art Palme, zackig und schlank, allseitig von hohen Blättern gleich indianischen Rudern umgeben; Zamia Lehmanni, eine ungeheure Ananas, wie ein gewaltiger Chesterkäse in Heideland gepflanzt und auf seiner Spitze mit widerhakigen Wurfspiessen besät; Cibotium Spectabile, alle Gattungen durch seine wahnsinnige Form überbietend: aus einem palmigen Blätterwerk schiesst der enorme Schwanz eines Orang-Utang heraus, ein haarig brauner Schwanz, am Ende wie zu einem Bischofsstab abgerundet.
Aber der Herzog beachtete sie kaum und wartete nur mit Ungeduld die Serie von Pflanzen ab, welche ihn vor allen bezauberten, die vegetabilischen leichenfressenden Kobolde, die fleischverzehrenden Pflanzen, Gobe-Mouche, der Fliegenfänger der Antillen, mit dem faserigen Rand, eine Verdauungsflüssigkeit absondernd, mit gebogenen Stacheln versehen, die sich übereinander krümmen, ein Gitter über dem Insekt bildend, welches er einschliesst; die Drosera des Torflandes, mit drüsenartigen Haaren besetzt; die Sarracena, der Cephalothus, seine gefrässigen Hörnchen öffnend, fähig, wirkliches Fleisch zu verdauen und aufzuzehren; schliesslich noch Nepenthes, dessen Phantasieen alle Grenzen der excentrischen Form überschreiten.
Er wurde nicht müde, den Topf in seinen Händen zu drehen und umzudrehen, aus dem diese Extravaganz der Flora hervorkam. Die Pflanze erinnerte an den Gummibaum, von dem sie auch die länglichen Blätter hatte, mit ihrem dunklen metallischen Grün; aber am Ende dieses Blattes hing ein grüner Bindfaden, der sich einer Nabelschnur vergleichen lässt, eine grünliche Urne tragend, violett marmoriert, eine Art deutsche Porzellanpfeife oder sonderbares Vogelnest, welches sich ruhig hin und her wiegte, ein mit Haaren besetztes Inneres zeigend.
„Diese hat es weit gebracht,“ murmelte der Herzog.
Er musste sich seinem Entzücken entreissen, denn die Gärtner, die es eilig hatten, leerten den Boden ihrer Karren und stellten knollige Begonien und schwarze Krebsblumen auf die Erde.
Der Herzog bemerkte, dass noch ein Name auf der Liste blieb. Der Cattleya von Neu-Granada; man bezeichnete ihm eine geflügelte Glocke von verwischtem, fast verblasstem Lilablau; er ging näher und steckte seine Nase hinein, doch prallte er erschrocken zurück; sie strömte nämlich einen Geruch von lackiertem Tannenholz aus, wie der von Spielzeugschachteln, die ihm die Schrecken eines Neujahrstages wachriefen.
Er dachte, dass es gut wäre, ihr zu misstrauen, bedauerte fast, zwischen den geruchlosen Pflanzen, die er besass, diese Orchidee zugelassen zu haben, die so unangenehme Erinnerungen erweckte.
Als er allein war, betrachtete er diese Menge von Gewächsen, die sein Vorzimmer füllte; sie mischten sich miteinander, kreuzten ihre Degen, ihre langen Dolche, ihre eisernen Lanzen, sie bildeten eine grüne Gewehrpyramide, über welcher, gleich barbarischen Lanzenfähnlein, Blumen von blendendem, hartem Ton schwebten.
Die Luft in dem Raum verdünnte sich; bald darauf, im Dunkel eines Winkels und nahe dem Fussboden, schlängelte sich ein weisses, sanftes Licht.