Das wilde Feuer, das herbe, stürmische Talent von Goya fesselte ihn; aber die allgemeine Bewunderung, die seine Werke erlangt hatten, brachten ihn trotzdem etwas von ihm ab, und er hatte daher davon abgesehen, sie einrahmen zu lassen, aus Furcht, dass, wenn er sie zur Schau stellte, der erste beste Einfaltspinsel es für nötig hielte, Dummheiten darüber loszulassen oder vor Entzücken ausser sich zu geraten.

Es ging ihm ebenso mit seinen Rembrandts, die er dann und wann mit heimlichem Entzücken betrachtete; denn wie die schönste Arie der Welt unausstehlich wird, sobald sie der Pöbel summt und die Strassenorgel sich ihrer bemächtigt, so wird das Kunstwerk, das den unselbständigen Künstler zur Nachahmung reizt, das die Dummköpfe loben und das sich nicht damit begnügt, die Begeisterung von wenigen zu erregen, ebenfalls für die Kenner entweiht, banal, ja widerwärtig.

Dieses Schwanken in seiner Bewunderung war übrigens mit sein grösster Kummer; äusserliche Erfolge hatten ihm Bilder und Bücher, die ihm ehemals teuer waren, für immer verleidet; infolge des Beifalls der Stimmenmehrheit entdeckte er zuletzt Mängel, die gar nicht da waren, er wies sie zurück, indem er sich fragte, ob sein Scharfsinn sich nicht abstumpfe und ihn betrüge.

Er schloss seine Mappen und verfiel wieder einmal seinen schwankenden Gefühlen und unfruchtbaren Grübeleien. Um den Lauf seiner Gedanken zu ändern, nahm er besänftigende Lektüre zur Hand, versuchte sich das Gehirn abzukühlen. Er las die Romane von Dickens, an denen sich die Genesenden und die Unglücklichen entzücken.

Aber diese Bücher brachten die entgegengesetzten Wirkungen hervor, als er erwartet hatte: er sah nur keusch Liebende, steif gekleidete Heldinnen, die nur beim Sternenlicht lieben und sich begnügen, die Augen zu senken, zu erröten oder vor Glück zu weinen, indem sie sich die Hände drücken. Diese übertriebene Keuschheit führte ihn der entgegengesetzten Übertreibung zu; so dass er von einem Extrem ins andere fiel, sich mächtig bewegter Scenen erinnerte, an die sexuellen Beziehungen zwischen Mann und Weib und an ihre Küsse dachte.

Er unterbrach seine Lektüre und grübelte weiter über die Prüderie Englands. Er wurde von einer seltsamen Aufregung befallen. Die Zeugungsunfähigkeit seines Gehirns und seines Körpers, die er für eine permanente gehalten hatte, verschwand. Die Einsamkeit wirkte belebend auf seine Nerven. Die sinnliche Seite, seit Monaten ganz unempfindlich, war zuerst wieder durch die entnervende fromme Lektüre angeregt, dann durch die englische Ziererei zu einer Nervenkrisis gesteigert und stand jetzt in voller Blüte da; durch die Erregtheit seiner Sinne in die Vergangenheit zurückgeführt, watete er im Schmutz seiner alten Erinnerungen herum. –

Er stand auf und öffnete schwermütig eine kleine vergoldete Dose, deren Deckel mit glitzernden Steinen besetzt war.

Sie war voll von violetten Bonbons; er nahm einen heraus und ihn mit den Fingerspitzen leicht berührend, dachte er an die seltsamen Eigentümlichkeiten dieses Bonbons. Damals, als er sich seiner Impotenz klar ward, als er noch ohne Bitterkeit, ohne Bedauern, ohne neues Verlangen an das Weib dachte, legte er einen dieser Bonbons auf die Zunge, liess ihn zergehen, und plötzlich stiegen mit einer unendlichen Sanftheit verwischte Rückerinnerungen an wollüstige Ausschweifungen in ihm auf.

Diese Bonbons, von Siraudin erfunden und mit dem lächerlichen Namen „Perles de Pyrénées“ bezeichnet, enthielten einen Tropfen Sarcanthusöl. Sie drangen in die Schleimhäute ein und erinnerten ihn an die Wollust aromatischer Küsse.

Gewöhnlich lächelte er beim Einatmen dieses verliebten Aromas, das ihm ein Teilchen Nacktheit vor das geistige Auge führte und für einen Augenblick wieder das Verlangen nach dem noch vor kurzem angebeteten Geruch bestimmter Frauen in ihm rege machte.