Jetzt wirkten sie nicht mehr heimlich und leise, sie beschränkten sich nicht mehr darauf, das Bild ferner und konfuser Ausschweifungen anzufachen – im Gegenteil, die Schleier zerrissen, und vor seinen Augen entstand die verkörperte, zudringliche, brutale Wirklichkeit.
An der Spitze der Fata morgana ehemaliger Geliebten, welche der Genuss dieses Bonbons in klaren Zügen zu zeichnen half, befand sich eine mit grossen weissen Zähnen, mit einer Haut wie von rosa Atlas, die Nase wie gemeisselt, mit kleinen Mäuseaugen und kurz abgeschnittenem blonden Haar.
Sie hiess Miss Urania, war Amerikanerin und eine der berühmtesten Akrobatinnen des Cirkus, deren schön proportionierter Körper, kräftige Schenkel und Muskeln von Stahl und Eisen Aufsehen erregte.
Herzog Jean hatte sie während langer Abende aufmerksam beobachtet; die ersten Male war sie ihm wie sie wirklich war erschienen, das heisst kräftig und hübsch, aber der Wunsch, sich ihr zu nähern, packte ihn nicht; sie besass nichts, was sie der Lüsternheit eines blasierten Menschen begehrlich machen konnte, und doch ging er wieder nach dem Cirkus hin, angelockt, ohne zu wissen wovon, getrieben von einem schwer zu erklärenden Gefühl.
Während er ihre Bewegungen verfolgte, machte er eine sonderbare Beobachtung; in dem Masse, wie er ihre Geschmeidigkeit und ihre Kraft bewunderte, sah er eine Geschlechtsveränderung mit ihr vorgehen: ihre zierlichen und weiblichen Bewegungen verwischten sich mehr und mehr, während sich die gewandten und kräftigen Reize des Mannes dafür vordrängten; kurz, nachdem sie sich zuerst als Weib gezeigt, dann für eine kurze Zeit geschlechtslos gewesen war, schien sie vollständig Mann geworden zu sein. „Diese Akrobatin könnte sich, wie sich ein kräftiger Kerl in ein zartes Mädchen verliebt, auch in einen Schwächling, wie ich es bin, verlieben,“ sagte sich der Herzog; und indem er sich betrachtete und Vergleiche zog, wurde es ihm klar, dass er immer femininer wurde; und er sehnte sich nach dem Besitz dieser Frau und begehrte sie, wie sich ein bleichsüchtiges junges Mädchen wohl nach einem robusten Manne sehnt, dessen Liebkosungen sie zu erdrücken drohen.
Dieser Austausch des Geschlechtes zwischen der Akrobatin und ihm begeisterte ihn. „Wir sind für einander bestimmt,“ überzeugte er sich selbst.
Eines schönen Abends entschloss er sich, die Logenschliesserin abzuschicken. Aber Miss Urania hielt es für angemessen, ihm nicht eher Gehör zu schenken, bis er ihr den üblichen Hof gemacht; doch zeigte sie sich wenig grausam, denn durch Hörensagen wusste sie, dass der Herzog des Esseintes reich war und dass sein Name genügte, um eine Frau in Mode zu bringen.
Aber sobald seine Wünsche Erhörung gefunden hatten, übertraf seine Enttäuschung alle bisherige Erfahrung. Er hatte sich die Akrobatin dumm und roh wie einen Jahrmarktsringer vorgestellt, ihre Dummheit war aber unglücklicherweise nur weiblich. Gewiss, es fehlte ihr an Erziehung und an Takt, sie hatte weder Verstand noch Geist und sie bewies bei Tisch einen tierischen Eifer, anderseits aber waren alle kindlichen Gefühle des Weibes in ihr vorhanden; sie schwatzte auch und kokettierte wie alle von ihren Albernheiten eingenommenen Frauenzimmer.
Dabei bewahrte sie im Bett eine puritanische Zurückhaltung und zeigte keine jener athletischen Roheiten, die er ersehnte, aber auch gleichzeitig fürchtete. Sie war nicht, wie er es einen Augenblick gehofft, den Aufregungen ihres Geschlechts unterworfen. Doch wenn er den Mangel ihrer Sinnlichkeit recht untersucht hätte, so würde er eine Neigung zu einem zarten, schmächtigen Wesen, zu einem ihm ganz entgegengesetzten Temperamente, einem mageren Clown, entdeckt haben.
Unglücklicherweise trat der junge Herzog wieder in die einen Moment vergessene Männerrolle zurück; seine Eindrücke von weiblicher Natur, von Schwäche, verschwanden; die Illusion war nicht mehr möglich. Miss Urania war eine ganz gewöhnliche Maitresse, die in keiner Weise den neugierigen Erwartungen des Gehirns entsprach, die sie anfangs hervorgerufen hatte.