„Mein Gott! mein Gott! giebt es doch wenig Bücher, die man zweimal lesen kann,“ seufzte der Herzog, seinem Diener zusehend, der vom Schemel herunterstieg, indem er zur Seite ging, damit der Herzog alle Fächer überblicken konnte.
Herzog Jean nickte Genehmigung mit dem Kopfe. Es blieben nur noch zwei dünne Einbände auf dem Tische. Eine Handbewegung verabschiedete den alten Diener. Er ergriff eines der Bücher, das in Eselshaut gebunden war, eingehüllt in eine Schutzdecke aus altem chinesischen Seidenstoff, der verblasst war und den Reiz verblasster Stoffe hatte, wie sie Mallarmé in einem entzückenden Gedichte rühmte.
Das Buch bestand aus nur neun Seiten und enthielt Auszüge aus Mallarmés ersten beiden Büchern. Sie waren auf Pergament gedruckt und unter dem Titel: „Einige Verse von Mallarmé“ vereinigt. Sie waren von einem geschickten Kalligraphen in goldenen und farbigen Buchstaben mit der Hand im Stil der alten Handschriften gemalt.
Einige dieser Stücke interessierten ihn, aber besonders ein Bruchstück der Herodias wusste ihn in gewissen Stunden wie durch einen Zauber zu bannen.
Wie oft hatte er sich nicht des Abends unter der Lampe, die mit ihrem gedämpften Licht das stille Zimmer beleuchtete, hingerissen gefühlt von dieser Herodias, die in dem Bilde Gustav Moreaus, das jetzt im Schatten hing, nur noch die undeutlichen Umrisse ihres Körpers durch ihren Behang von Edelsteinen durchblicken liess.
Die Dunkelheit unterdrückte das Leben, dämpfte die Reflexe und den goldigen Hintergrund, warf Schatten auf den Tempel, bedeckte die Nebenpersonen, begrub sie in ihren toten Farben, und nun das Weisse des Bildes verschwand, liess sie das Weib aus ihrem Juwelenbehang noch leuchtender heraustreten und sie noch nackter erscheinen.
Unwillkürlich hob er zu ihr das Auge empor, erkannte sie in ihren unvergesslichen Umrissen und sie wurde wieder lebendig und rief auf ihren Lippen die seltsamen und süssen Verse wach, die ihr Mallarmé eingiebt.
Er liebte diese Verse, wie er die Werke dieses Dichters liebte, der im Jahrhundert des allgemeinen Wahlrechts und in einer Zeit der Geldgier abseits vom litterarischen Wege lebte, geschützt durch seine Verachtung vor der ihn umgebenden Dummheit. Er gefiel sich, fern von dem Treiben der Welt in dem wechselnden Spiel des Verstandes, in den Visionen des Gehirns, indem er noch mit den schon an sich gekünstelten Gedanken jonglierte und ihnen byzantinische Lichterchen aufsetzte.
Von allen Formen der Litteratur war die des Gedichtes in Prosa diejenige, die der Herzog am meisten liebte. Von einem Genie gehandhabt, musste sie in ihrem kleinen Raum die Gewalt eines Romans, dessen zergliederte Längen und beschreibende unnütze Wiederholungen sie wegliess, einschliessen.
Schon oft hatte der Herzog über das grosse Problem nachgegrübelt, einen Roman in wenige Sätze zusammengedrängt zu schreiben, die die kondensierte Last von hunderten von Seiten enthielten. Dann würden die gewählten Worte an ihrem richtigen Platze stehen, so, dass man keines umstellen könnte.