Die psychologischen Labyrinthe Stendhals, die analytischen Irrgänge Durantys lockten ihn, aber ihre farblose, steife Sprache, gut genug für die gewöhnlichen Theaterstücke, stiess ihn andrerseits ab.

Um sich an einem Werk zu erfreuen, das nach seinem Geschmack einen prägnanten Stil mit einer scharfsinnig-katzenhaften Beweisführung verband, musste er auf Edgar Poë zurückgreifen, für den seine Liebe nur gewachsen war, seitdem er sich öfter mit ihm beschäftigt hatte.

Mehr als jeder andere entsprach gerade dieser durch eine geistige Verwandtschaft den Träumereien des Herzogs.

Dem Tod, den alle Dramatiker so sehr gemissbraucht hatten, hatte er ein anderes Aussehen gegeben; es war eigentlich weniger der wirkliche Todeskampf eines Sterbenden, den er beschrieb, sondern der moralische Todeskampf des Überlebenden, der vor dem elenden Bett von grässlichen Hirngebilden, welche der Schmerz und die Ermüdung erzeugt, erfasst wird. Mit grausamem Zauber hob er besonders die Handlungen des Entsetzens, den Zusammenbruch des Willens hervor, begründete sie kaltblütig, schnürte nach und nach die Kehle des keuchenden erstickenden Lesers vor diesem künstlich zurecht gemachten Alpdrücken des heissen Fiebers zu. Von erblichem Nervenleiden krampfhaft verzerrt, halb wahnsinnig von dem moralischen Veitstanz lebten seine Kreaturen nur durch die Nerven; seine Frauengestalten, wie Morella, Ligeia, besassen eine ungeheure Gelehrsamkeit, durchdrungen von dem Nebel der deutschen Philosophie und den kabbalistischen Geheimnissen des alten Orients, und alle hatten sie Knabenbrüste und waren geschlechtslos.

Baudelaire und Poë, diese beiden Geister, die man oft zusammengestellt hatte wegen ihrer poetischen Berührungspunkte, ihrer gleichen Neigung in dem Vorwurfe geistiger Krankheiten, waren vollständig verschieden durch ihre Auffassungen vom Gemüt, das in ihren Werken einen so grossen Platz einnahm. Baudelaire mit seiner gierigen Liebe, deren grausame Lust an die Verfolgungen einer Inquisition erinnert; Poë mit seinen keuschen ätherischen Leidenschaften, in denen keine Sinnlichkeit lebte, in denen das Gehirn allein Geltung hatte, ohne Zusammenhang mit den Organen, die, wenn sie überhaupt vorhanden waren, nur kalt und jungfräulich blieben.

Diese Klinik, in der der geistreiche Chirurg in einer bedrückenden Atmosphäre Gehirne zerlegte, war für den Herzog eine Quelle unermüdlichen Nachdenkens; aber seitdem sein Nervenleiden zugenommen hatte, gab es Tage, wo diese Lektüre ihn vollständig niederwarf, Tage, wo er mit zitternden Händen ängstlich lauschend dasass und sich, wie der verzweifelte Usher, von einer unsinnigen Todesangst, einem dumpfen Schrecken erfasst fühlte.

Notgedrungen musste er sich schonen und diese fürchterlichen Reizmittel vermeiden. Ebenso vermochte er nicht mehr ungestraft sein rotes Vorzimmer zu besichtigen und sich an dem Anblick der Unheimlichkeiten Odilon Redons und den Martern Jan Luykens zu berauschen.

Und doch schien ihm, wenn er in dieser Geistesverfassung war, jede Litteratur ungeniessbar nach diesem amerikanischen Poeten.

Er wendete sich dann wohl zu Villiers de l’Isle-Adam, in dessen zerfahrenem Werke er wohl noch Anreizendes fand, das ihn jedoch nicht mehr wirklich packte, mit Ausnahme allerdings seiner Claire Lenoir, einem wahrhaft beunruhigenden Scheusal.

Es existierte wohl kein anderes Buch in Frankreich in diesem Stil des ernsten und zugleich herben Spottes, ausser der Novelle von Charles Cros: „la science de l’amour“. Diese konnte noch durch ihren stichelnden Humor und ihre kalt spasshaften Beobachtungen auffallen, aber das Vergnügen war nur relativ, denn die Ausführung liess alles zu wünschen übrig.