Er spielte wie der erste beste Klavier, war nach längerem Studium imstande, eine Partitur zu entziffern, aber er verstand nichts von der Harmonie und der nötigen Technik, um wirklich eine Feinheit zu schätzen und mit Sachverständnis zu geniessen.

Mit der profanen Orchestermusik konnte er sich nicht befreunden, weil man sie nicht bei sich allein hören kann, wie man ein Buch zu lesen pflegt. Um sie zu geniessen, hätte er sich unter dieses immer gleiche Publikum mischen müssen, das die Theater füllt und den Winter-Cirkus belagert, wo man in einer Waschhausatmosphäre einen Menschen bewundert, welcher in der Luft herumfuchtelt und aus Wagner herausgerissene Episoden zur ungeheuren Freude eines unwissenden Haufens grausam zu Tode hetzt.

Er hatte nicht den Mut gehabt, sich in dieses Volksbad zu tauchen, um Berlioz zu hören, von dem ihn indessen einige Bruchstücke durch ihre leidenschaftliche Begeisterung und ihr schwungvolles Feuer gefangen genommen hatten; und er sah auch ein, dass keine Scene, ja selbst nicht mal ein Satz einer Oper des wunderbaren Wagner aus ihrem Gefüge ungestraft losgelöst werden durfte.

Und deshalb war der Herzog auch der Meinung, dass von diesem Haufen von Musikfreunden, die des Sonntags ausser sich gerieten, kaum zwanzig die Partitur kannten, die man verhunzte.

Die bekanntere, leichtere Musik und die unabhängigen Stücke der alten Opern fesselten ihn sehr wenig; die leichten Piècen von Auber und Boïeldieu, Adam und Flotow und die Banalitäten eines Ambroise Thomas und Bazin widerten ihn in gleichem Masse an, wie die veralteten Zierereien und die pöbelhaften Reize der Italiener.

Er hatte sich deshalb von der Musik fern zu halten entschlossen und seit den Jahren dieser seiner Enthaltung erinnerte er sich nur gewisser Kammermusik-Soiréen, in denen er Beethoven und besonders Schumann und Schubert gehört hatte, die seine Nerven derart zermürbt hatten wie die innigsten und qualvollsten Dichtungen Edgar Poës.

Gewisse Partieen für Violoncello von Schumann hatten ihn ganz atemlos gelassen; es waren besonders die Lieder von Schubert, die ihn vor Entzücken ausser sich gebracht hatten.

Diese Musik drang in sein tiefstes Inneres und machte sein Herz erbeben wie von vergessenen Leiden alter Melancholie; und er fühlte sich ganz betäubt, plötzlich so viel wirres Elend und unbestimmten Schmerz zu empfinden.

Diese Musik der Verzweiflung, die aus dem Tiefsten des Seins aufschrie, entsetzte und entzückte ihn zugleich. Niemals hatte er „des Mädchens Klage“ hören können, ohne dass ihm nicht nervöse Thränen in die Augen stiegen, denn es war in diesem Klagelied mehr als Betrübnis, etwas Entrissenes, das ihm das Herz zerwühlte, wie das Sterben eines Lieben in einer düsteren, öden Landschaft.

Und immer wieder, wenn ihm diese entzückend traurigen Klagen über die Lippen kamen, riefen sie in ihm diese einsame Landschaft wach, in der geräuschlos in der Ferne vom Leben abgehetzte Menschen in der Dämmerung verschwanden. Er fühlte sich dann in dieser trostlosen Natur so allein, durch Herzeleid und Widerwillen verbittert, von einer namenlosen Melancholie erdrückt, von einer tödlichen Herzensangst erfasst, deren geheimnisvolle Macht jeden Trost, jedes Mitleid, jede Ruhe ausschloss.