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Gebet am
Vorabend des Versöhnungstages.

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Allmächtiger! Die Andacht meines Herzens möchte ich offenbaren im Ausspruch meiner Lippen, alle meine Gedanken möchte ich zutage rufen im inbrünstigen Gebete.

Was soll ich sprechen vor Dir, Allmächtiger, Unfaßbarer! Wie soll ich beginnen, wo soll ich enden!

Alle meine Worte reichen nicht hin für die Anbetung, die mein Herz Deiner Heiligkeit zollt; alle meine Worte reichen nicht hin, meine Niedrigkeit zu bezeichnen, in der ich vor Dir stehe! Alle meine Worte reichen nicht hin, den Wünschen meines Herzens Ausdruck zu geben, die vor Dir ich offenbaren will, und alle meine Worte reichen nicht hin, die Schuld zu bekennen, für die ich um Gnade flehe vor dem Throne Deiner Herrlichkeit!

Anbeten will ich Dich, — das ist heute, an dem großen, Dir geweiheten Tage mein Verlangen. Wer ist heilig, wie Du, wer ist erhaben wie Du! Du bist der Schöpfer aller Dinge, die Erde und der Himmel sind das Werk Deiner Hand, und die Sonne und den Mond und das zahllose Heer der Sterne hast Du geschaffen. Du leitest alle Weltkörper in ihren Bahnen, Du weißt auch, wann sie zu wandeln begonnen, und wann ihr Ende sein wird. Mein Auge kann wohl gen Himmel blicken, aber wie sollte ich sprechen: Ich überschaue den Himmel? Weiter als meine Gedanken reichen, reicht die Ferne, in der immer neue Welten Deiner Schöpferhand entrollen. Wo aber, wo ist der Wohnsitz Deiner Herrlichkeit? O Gott, wie bist Du so groß, so groß! Welcher Sterbliche kann so vermessen sein, zu sprechen: Ich kenne den Herrn! Und betrachte ich Dir gegenüber mich, den Erdenbewohner, ach, dann erscheine ich mir gleich dem Sandkorn unter den millionenmal Millionen am Ufer des Meeres; und denke ich an die Zeit, die meinem Erdenleben bestimmt ist, so erscheint sie mir flüchtig, wie der Schatten eines Pfeiles, der über einen Fußbreit Landes dahinfliegt. Was ist der Mensch, daß Du sein gedenkest, der Erdensohn, daß Du Dich seiner annimmst?

Und doch! o Herr! Nimmst Du auch meiner Dich an!

Du bist mir nahe und sorgst für mich, Du kennst meine Lust und mein Leid, meine Freude und meinen Schmerz, meine Bedürfnisse und meine Sehnsucht. Also bist Du mir nahe, wie der gotterfüllte Sänger es ausspricht: „Herr! Du erforschest mich und weißt von mir, ich sitze, stehe auf, Dir ist's bekannt, und was ich denke, prüfest Du von ferne. Du hast mir Gang und Lager zugemessen und meine Wege alle angeführt. Bevor ein Wort auf meiner Zunge schwebt, hast Du es, Herr! schon ganz gewußt.“ Darum ist es keine Vermessenheit, wenn ich mit den Wünschen meines Herzens mich unmittelbar vor Dich zu stellen wage, denn wie ein Vater sich seiner Kinder annimmt, so nimmst Du Dich der Menschen an. O Vater! zu Dir will ich beten. Du nur kannst mir Leben und Gesundheit schenken, Du nur kannst meine Seele bewahren vor allen Gefahren, die ihr drohen durch des Herzens Gelüste und durch den Tand der Welt. Du nur kannst mich bewahren vor Betrübnis und Herzeleid, in Deiner Hand liegt es, daß nicht meine Arbeit eine fruchtlose, mein Bestreben ein unnützes, meine Hoffnung eine trügerische sei. Du nur kannst mich erleuchten mit dem Lichte der Wahrheit, daß meine Wege mich nicht durch Finsternis und Torheit, Irrglauben und Aberglauben führen. Du nur kannst mir den Mut verleihen, der Sünde zu trotzen, und die Kraft, die Leidenschaft zu überwältigen.

Und dies alles kannst Du tun, und mögest Du tun ohne Rücksicht auf meine Würdigkeit. Denn wahrlich! Nicht auf unser Verdienst können wir bauen, wenn wir auf Deine Liebe hoffen. Sündhaft ist der Mensch, und gerecht ist in Deinen Augen schon der, der mit seiner schwachen Kraft gegen die Macht des Lasters ankämpft.