O, auch ich kenne meine Fehler und Sünden. Ich will sie nicht zu beschönigen suchen mit der Ausflucht, es sei alles menschliche Schwäche. Ich weiß es wohl, daß ich nicht immer genügend bemüht war, alle meine Kräfte zu meiner Besserung anzuwenden. Ich habe nicht immer Gott vor Augen und im Herzen gehabt, und nur allzuoft so gehandelt, als ob der Genuß irdischen Wohlseins und das Vergnügen das Ziel des menschlichen Lebens wären. In mancher Stunde des letztverlebten Jahres bin ich wider besseres Wissen rückwärts geschritten und nicht vorwärts in der Veredlung meines Geistes, weil ich den Leidenschaften freien Lauf gelassen, die mich nicht fördern konnten. Oft auch habe ich meine wahre Aufgabe verkannt, nützlich zu sein auf Erden, und habe der Eigenliebe und der Eitelkeit gedient. O, mein Gott, wo soll ich enden, wenn ich die Menge meiner Verschuldungen zu zählen beginne?

Darum ist mir aber auch der heutige Tag heilig und lieb und wert, darum erkenne ich in ihm eine der herrlichsten Wohltaten, mit welchen Du Dein Volk Israel bedacht hast, weil der Versöhnungstag erscheint wie ein ernster, aber lieber und tröstender Freund, der zu uns spricht: „Bange nicht, Mensch, und zage nicht! Du bist um Deiner Sünden willen nicht von Gott verstoßen! Er will dich aufrichten, er will dich neu beleben, er will dich reinigen von aller Schuld und verlangt nichts weiter von dir als wahrhafte Reue und Besserung!“ Wie sollte ich nicht mit Freuden diese Wohltat anerkennen, und all mein Sinnen darauf richten, ihrer ganz teilhaft zu werden! Ich will mich nicht meiner Sünden entledigen, um neue zu begehen, sondern ich will wahren und bleibenden Gewinn ziehen aus der hohen Bedeutung dieses Tages.

Darin soll meine andächtige Erhebung bestehen, daß ich dankend und preisend Dir nahe, Du Ehrfurchtbarer! Daß ich meine Bitten und alles, was mein Herz beschwert, vor Dir ausspreche, daß ich mich selbst prüfe und meine Sünden bekenne und Reue und Besserung aufrichtigen Sinnes Dir angelobe, auf daß ich am nächsten Versöhnungstage — der mir und uns allen herankommen möge zum Heile — mit freudigem Herzen zurückblicken könne auf ein im Dienste Gottes, im Dienste der Religion und Tugend verlebtes Jahr. Also sei es Dein Wille, Allmächtiger! Amen!

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אָבִינוּ מַלְכֵּנוּ
Owinu malkenu.

(Dieses Gebet wird am Sabbate nicht gesprochen.)

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Herr und Vater! Wir haben gesündigt vor Dir.

H. u. V.! Du bist allein der Herr, auf den wir vertrauen.

H. u. V.! Übe Gnade an uns zur Verherrlichung Deines Namens.