Wenn früh am Morgen der Schlaf von meinem Auge weicht, und ich gesund an Leib und Seele von meinem Lager mich erhebe, dann frage ich mich: Wer hat für mich, wer hat über mir gewacht? Habe ich selbst das neue Leben mir zurückgerufen, habe ich selbst mein Auge ausgerüstet mit Kraft, das Bild der Außenwelt in meine Seele zu führen, habe ich selbst meinem Ohre das Reich der Laute eröffnet, habe ich selbst mich behütet vor jeglicher Gefahr, die ungeahnt und unbewußt dem menschlichen Geiste, im Verborgenen weilen kann? Nein, mein Gott, Dir sei Dank! Das hast Du getan, was wäre ich ohne Dich!
Und wenn ich an mein Tagewerk schreite und meiner Hand die rüstige Kraft nicht fehlt, die nützliche Pflicht zu üben, und mein Geist das Urteil anwenden kann, das er gewonnen in tausend Dingen, und lauter kleine Freuden meiner warten, die ein jedes Gelingen und gutes Vollbringen in ihrem Gefolge führen, dann frage ich mich: Wer hat das alles mir vergönnt? Habe ich der Gesundheit gebieten können, daß sie meinen Leib nicht verlasse? Habe ich meiner Seele befohlen, daß sie nicht zurückbleibe hinter den Anforderungen der Einsicht und des Verstandes? Habe ich selbst mein Herz von den Abwegen bewahrt, daß es fähig bleiben konnte, die Süßigkeit vollbrachter Pflicht zu empfinden?
Nein, mein Gott, Dir sei Dank! Das hast Du getan, was wäre ich ohne Dich!
Und wenn ich mich umschaue im Kreise all der lieben Meinigen, wenn mein Herz tausendfach die Seligkeit empfindet, sie zu besitzen, wenn sich die Liebe und Zärtlichkeit (meiner lieben Eltern und Geschwister) (meiner lieben Kinder) (meines teuern Gatten) hundertmal mir bewährt, dann frage ich mich: Wer hat diese Güter mir geschenkt? Habe ich selbst das alles erworben? Habe ich selbst durch meine Weisheit und Tugend die Wonne verdient, Liebe zu genießen und Liebe zu fühlen?
Nein, mein Gott, Dir sei Dank! Das hast Du mir geschenkt, was wäre ich ohne Dich!
Und so sei denn, Herr und Vater, die Anerkennung des innigsten Dankes eines von den Opfern, die mein Herz Dir am heiligen Tage der Versöhnung darbringt!
Das soll mir die Heiligkeit des Tages erhöhen, daß ich selbst dazu beitrage, das Werk der Versöhnung zu vollziehen in dem Teile, der in meiner eigenen Macht liegt. Versöhnt will ich sein mit meinem Schicksale, daß ich nicht fürder ungerecht mit ihm rechte.
Die Unzufriedenheit sei aus meinem Herzen verbannt, und die Freude an Deinen Gaben ziehe an ihre Stelle. Für Sünde will ich es halten, wenn ich das Gute genieße, stets das Bessere zu verlangen. Wo hätte sonst menschliches Wünschen und Begehren ein Ziel? Der Besitz der höchsten irdischen Güter wird gleichgültig, wenn er alltäglich wird, und der Genuß der friedlichen Alltäglichkeit hat ewig neue Reize, so ich alles herzuleiten weiß aus Deiner Liebe, mein Gott.
Nur vor Unglück und Torheit, vor Sünde und Schande bewahre Du mich, o Herr!
O nimm nun meines Herzens Dank